Lycee V

Lycee V
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Besucht im Jahr 2014

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eschäftigt man sich mit diesem Ort, mit den üblichen Quellen die einem als Urbexer bleiben (Foren und viel Gewäsch), erlangt man nur wenige Hintergrundinfos, aber liest sich dabei (gezwungenermaßen) durch eine Unsumme an höchst unterhaltsamen Gerüchten und Berichten. Von Polizeieinsätzen mit Hundertschaften, argwöhnischen Nachbarn und auch gebrochenen Beinen (mit eingebildetem Geschick und Irrsinn kann man auch über eine Mauer klettern, wenn einem etwas Stacheldraht und Wildwuchs mit Dornen keine Sorgen bereiten sollten), von Jugendlichen, Randaliereren und noch vielen, vielen weiteren unerfreulichen Dingen ist die Rede, wenn es alle Jahre mal wieder um diesen Ort geht.

Besondere Bauchschmerzen scheint es zu bereiten, dass dieser Ort, sofern er denn mal offen steht, in kürzester Zeit wieder verschlossen wird. Ein kleines Katz-und-Maus-Spiel, welches insbesondere die Geduld der lokalen Institutionen in ein besonderes, hohes Licht für mich rückt (ich hätte, nach der vierten aufgebrochenen Türe, aller Wahrscheinlichkeit den Eingang mit einigen Kubikmetern Beton und eingeklebten Glasscherben gesichert…); ist die Hauptpforte einmal geschlossen, braucht es in der Regel nur einige Wochen, ein paar günstige Momente und einen ausreichend schmerzbefreiten (vielleicht auch nicht besonders intelligenten) Besuchswütigen, mit Brechstange und mangelndem Feingefühl, ehe die Türe erneut offen steht. Den Rest erledigen die im Anschluss verbreiteten, halbgaren Aufnahmen des Ortes, die, so pünktlich wie es einst die Bahn mal war, mit einer Fülle von „wo issen das?!?!?!einsdrölf“ Kommentaren überhäuft werden.
Den Rest kann man sich denken.

Warum ich das alles schreibe, anstatt etwas anständiges, wertvolles über diesen Ort zu recherchieren und hier zu präsentieren? Weil es in der Regel eh keiner liest, was ich hier niederschreibe – weil ich es eh nur für mich mache, alles. Weil die meisten, wenn sie denn lesen, nur auf der Jagd nach Hinweisen, Koordinaten sind.

Meine Ansicht

Mit guten 38 Grad Fieber, einer Grippe im Nacken und viel zu wenig Schlaf – so begann mein Tag, an welchem ich auch hier aufschlagen sollte. Es war 2014, ein wildes Jahr für mich, indem alles irgendwie durcheinander kam und ich mich in diesem Chaos erstmal selber suchen und entdecken musste. Es war das Jahr, indem ich mit meiner Fotografie richtig durchstarten wollte, für mich. Es war das Jahr der Experimente, das Jahr in dem ich jeden Tag vor die Türe ging und alles um mich herum entdeckte. Die analoge Fotografie hielt wieder Einzug, ich kaufte ein altes Objektiv nach dem anderen und es jagten Pläne durch meinen Kopf, die sich mit einem Besuch in Krisengebieten und einem Leben als Kriegsfotograf befassten. Dummer Junge, naiver Junge.
Grundsätzlich, wollte ich meinem Leben nur einen tieferen Sinn geben, etwas „wichtiges“ machen und vielleicht auch hinterlassen. Etwas hinterlassen, was vielleicht eine Bedeutung hat. Schöner Gedanke.

An dem Tag war ich nicht mit meiner üblichen Truppe unterwegs, aber dennoch mit Freunden – wie ich damals glauben wollte. Es fühlte sich ein wenig eigenartig an, so komplett ohne meine gewohnten Kollegen unterwegs zu sein, auch wenn ich die Tagesbegleiter alle schon lange kannte. Mangelnde Sicherheit war es nicht, aber es war auch nicht der selbe „Flow“, wie die Jugend sagen würde (sagt sie das überhaupt noch?). Insgesamt fühlte ich mich nicht wohl, kurz gesagt.

Dabei half es auch nicht dass dieser Ort, nach ungezählten Versuchen, dieses eine Mal tatsächlich offen stand und nur auf unseren Eintritt zu warten schien. Keine neugierigen Nachbarn, keine Polizeistreife, kein Klettern. Die Vordertüre stand offen und es fehlte nur noch die Leuchtreklame darüber, die mit kostenlosem Eintritt locken würde. Mit zitterigen Fingern, welche dem Gehirn die Realität des Eintritts noch nicht abkaufen wollten, kramte ich meine Kamera aus dem viel zu großen Rucksack, den ich damals einmal schick fand. Die größte Variante des Lowepro Flipside, vollgepackt mit allem was ich besaß an Kameraequipment und ein kunststoffgewordener Beweis meiner, ab und an auftauchenden, Blödheit; nie sollte man auf Fotomagazine, Blogs, oder anderen Kram hören, die einem versuchen derartiges schmackhaft zu machen. NIE. Eine kleine Tasche, ein gutes Stativ und maximal 3 Objektive – mehr braucht es nicht (und selbst das kann schon zu viel werden).

Hastig kramte ich ein altes Pentacon 50mm 1.8 aus der Tasche und bis heute weiß ich nicht recht ob es der Fieberwahn, der Spieltrieb oder einfach nur die Gier danach war, mal bewusst Mist bauen zu können. Bereits bei den ersten Probeschüsse bemerkte ich, dass dieses Objektiv alles andere als zentriert war und zudem verzeichnete wie die schlimmste Scherbe aus Sowjetproduktion. Ich mutmaßte, dass dieses Stück feinster DDR Mechanik, in den Jahren seiner Existenz, nie wirkliche Liebe erfahren durfte und sich deswegen so präsentierte.

Die Linse passte aber zu dem Tag, zu der Erfahrung, zu meinem Zustand. Leider nicht zu diesem Ort, den ich heute gerne noch einmal besuchen würde… zu gerne nur…

Weiterer Stoff

Doel

Heute nur Bilder, draußen nur Kännchen

Sanatorium Dolhain

Ein Klassiker des Genres, so könnte man diese ehemalige Lungenheilanstalt nennen, die nun schon seit Jahren durch das Internet geistert – mit allerlei Schauergeschichten umhüllt.

Papier Plaisir

Heiss, unerträglich heiss war es an diesem Tag – daran kann ich mich, trotz fortgeschrittenem Alter, noch mehr als gut erinnern. Die Sonne brüllte auf meine damals viel zu langen Haaren herab, ließ meinen Schädel kochen und mich zur angrenzenden Verzweiflung bringen, welche durch die Ströme von stechgeilen Insekten nur verstärkt wurde.

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