God has left us – all of us

God has left us / Ehemaliges Kloster
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Besucht im Jahr 2017

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Bedrückende Dunkelheit in diesem großen Raum. Nur vereinzelt bricht Licht durch die Spanplatten, mit denen die großen Fenster verbarrikadiert wurden. Meine Füße tasten sich vorwärts, zwischen den Bänken, durch den Staub hinweg. Sie berühren Scherben und alte Gesangsbücher, die, bestückt mit zeitlosen Klassikern der katholischen Kirchenschlager, achtlos zurückgelassen wurden als man diesen Ort aufgab.

Damals war dieser Ort auch größer, als er noch in gewisser Form genutzt wurde; ein Kloster von beeindruckendem Ausmaß war einst hier, mitsamt einer Einrichtung zur Versorgung geistig behinderter Menschen, wie auch psychisch Erkrankter.

Oder jener, von denen man dies dachte.

Bequemlichkeit war vielleicht einer der Gründe, weswegen man seine Angehörigen in die Obhut einer repressiven Organisation übergab. Vielleicht war es auch blanke Überforderung – es gibt, wenn man ehrlich ist, mehr als nur einen Grund dazu die Pflege und Versorgung von angeblichem Fachpersonal übernehmen zu lassen, wenn man selbst dazu nicht gewillt – oder befähigt – ist. Das ist keine Zeiterscheinung der Moderne, das gab es schon immer. Die Härte des Lebens führte nicht selten zu solchen, eben so harten, Entscheidungen, die gelindert wurden durch den Glauben daran, dass man das „Richtige“ getan hat – für sich, wie auch für den so „abgegebenen“ Menschen.

Emsig bemühten sich Geistliche um das Wohl ihrer so anwachsenden Untergebenen, verkauften dies als Dienst an Gott, als christliche Nächstenliebe in ihrer höchsten Form. Dabei war es nicht einmal allzu selten dass, hinter den Gemäuern dieser Wehrburgen der Selbstgefälligkeit, Dinge passierten, die jeglicher Menschlichkeit entbehrten.
Die schwarze Pädagogik herrschte als festes Erziehungsdogma in fast allen Einrichtungen, die sich als Heime christlicher Wärme verkauften. Es wurde geschlagen, gedemütigt, erpresst und noch schlimmeres. Gerade Kinder betrachtete man als wilde, ja sogar von Natur aus „böse“ Wesen, welche gezügelt und gebrochen werden mussten – um aus ihnen einen guten Christen machen zu können.

Nicht umsonst wurden Totgeburten vor den Mauern der Friedhöfe „verscharrt“, weil sie nicht als Gottes Kinder betrachtet wurden. Ungetaufte Kinder kamen in den Limbus; der Vorhölle für alles Leben, welches sich nicht zum Christentum bekennen konnte.

Mit diesen Auffassungen bewaffnet, führte man hier Lobotomien ohne Einwilligungen durch. Es jagte erneut ein Skandal durch die Grundfesten dessen, was man als Glaubensgemeinschaft betitelte.

Ich blicke auf und betrachte das was noch übrig ist von der Kirche des Klosters, während meine Hände über den Altar gleiten. Hier haben Menschen gesessen, mit Vertrauen und Glauben an einen gnädigen, barmherzigen Gott. Wie viel ist noch von dem übrig, was vor 2000 Jahren einen Anfang fand? Selbst wenn es nur eine Idee war, Nächstenliebe und Güte seinen Mitmenschen zu Teil werden zu lassen, ohne dass es einen Gott dazu geben könnte, so war die Idee einst etwas wunderbares – durch Menschen jedoch pervertiertes.

homo homini lupus

Weiterer Stoff

Old Iron II

Einer dieser Orte, den man per Zufall am Wegesrand entdeckt, während die Tour drohte zu einem Reinfall zu werden. Einer dieser Orte, den man mit einem seltsamen Gefühl im Magen wieder verlässt.

Old Mill

Was war hier wieder einmal geschehen? Ein Hof, gut versteckt am Ende einer kleinen Stichstraße, der seit Jahren verlassen schien. Nichts deutet mehr auf eine aktive Nutzung dieses Gehöfts hin, absolut nichts.

Urbex-Fetisch

Wieder ist ein Wochenende vorrüber und gerne wäre ich eigentlich jedes auf Tour, doch bedauerlicherweise drängt die Realität uns ihren Willen auf und zerstört das eine, oder andere Mal die persönliche Traumwelt. So präsentiere ich hier also eine Auswahl von Bildern aus vergangenen Tagen.

Comments (4)

Eine sehr bewegende Geschichte, welches dieses Kloster nachweisen kann.

Ich habe Anfang des Jahres 2018 dieses Kloster besucht und empfand es in der Kirche sehr bedrückend – deine Bilder transportieren dieses Gefühl mehr als gut.
Nach meiner Kenntnis hat sogar der WDR über dieses Kloster vor einigen Jahren berichtet im Zuge der Missbrauchsvorwürfe der katholischen Kirche.
Die Lobotomie Vorfälle waren mir nicht bekannt – ich bin richtig schokiert und entsetzt.

Es war nicht meine bedrückenste Location bisher, aber eine, die mit der graumsamsten Geschichten von allen.

Leider nur ein weiteres Kapitel, wenn es du vielen, vielen Vorfälle in christlichen Einrichtungen geht. Es ist einfach nur traurig und erschreckend, wie viel unter dem Deckmäntelchen der Nächstenliebe Menschen angetan wurde.

Lieber Madman Faber,
zu erst einmal den allerhöchsten Respekt für die Komposition und Lichtstimmung in den Photos (und wahrscheinlich auch die Bearbeitung).
Die meisten Urbexer-Photos sehen einfach nicht schön aus, weil HDR gern über das Limit hinaus bearbeitet werden oder die Lichtstimmung nicht vorhanden ist.
Seit Monaten frage ich mich, wie Urbexer ihre Orte auffinden?
Über den Urbex-Code, Orte nicht zu verraten, wurde ich jedoch stutzig. Es riecht doch ein wenig nach elitärem Kreisen, die ihr Herrschaftswissen nur an Ausgewählte verteilen. Ich musste über die Worte „Urbex-Autobahn“ und „Urbex-Bus“ grinsen, im Grunde bestätigt es meinen Verdacht eines Getues um Nichts. Wenn dann Urbexer in teuren Prints und Artikeln auf sich aufmerksam machen, aber um Himmels willen den Ort nicht verraten, an dem sie gerade das halbe Mobiliar für ein Photo verschoben haben, macht mich das einfach sauer. Gegenüber „Außenstehenden“ wird sakrosanktes Herrschaftswissen gehandelt, für sich selbst kann der Urbexer gegen die eigenen Regeln verstoßen: „leave no trace and the place untouched“.
Nach ein wenig Recherche habe ich dieses Kloster gefunden – Google zeigt 201 Bilder von diesem Ort.
Das heißt, kein Platz ist verloren und vor menschlichem Einfluss wie Vandalismus verschont. Kein Urbexer kann das mit seinem Schweigegelübde verhindern, und eigentlich sollte er/sie bei konsequenter Auslegung des Urbex-Codes auch nicht mit anderen Urbexern darüber reden. Sonst wirkt der Urbex-Kodex nur wie ein Erstzugangsrecht zum Objekt, bevor der Vandalismus eintritt. Da sind sich Urbexer und die Kirche sehr ähnlich: es hängt nicht vom Wissen ab, sondern wer die populärste und stärkste Interpretation davon hat.
Schade eigentlich, wenn sich eine Strömung der Photographie so mystifiziert.
Ich wünsche mir dennoch viele gute Interpretationen vom MadMan Faber.
Viele Grüße, t4r.

Vielen Dank für die lobenden Worte, wie auch dem Kommentar als solchen. Es ist leider nicht die Regel, dass man von Besuchern ein Feedback bekommt.

Vorweg, möchte ich auf einen Satz besonders eingehen: „Schade eigentlich, wenn sich eine Strömung der Photographie so mystifiziert.“
Hierzu möchte ich nur das Missverständnis aufklären, welches anscheinend vorliegt: Urbex ist keine Strömung der Fotografie – auch wenn die Fotografie Urbex überhaupt erst bekannt gemacht hat. Urbex ist vielseitig, hat auch nicht unbedingt nur etwas mit verlassenen Objekten jeglicher Art zu tun. Urbex definiert nur die Erkundung des „urbanen Raumes“, oder anders gesagt: Orte, zu denen man keinen Zutritt hat im Regelfall, aber die man vielleicht nur 5 m unter seinen Füßen zu finden vermag. Es gibt Urbexer, die haben noch nie in ihrem Leben eine Kamera in die Hand genommen, durchwandern aber jede Nacht riesige Netzwerke von Abwasserkanälen, ehemaligen Luftschutzeinrichtungen, oder betreten aktive Baustellen, um vom Dach des Bauwerks die Stadt überblicken zu können. Grundsätzlich ist der Grundgedanke des Urbex also: „Neugierig sein, bleiben, oder notfalls werden“.

Die fotografischen Reportagen sind nur ein Bruchteil des Spektrums dessen, wofür Urbex im Grunde steht.

Was deine Kritik betrifft, bezüglich der Geheimhaltung, so kann ich da eine gewisse Aufregung verstehen; Grundsätzlich zum Schutz der Orte betrieben, schießen viele der Besucher über ihr Ziel hinaus, ja betreiben regelrecht eine Form der „elitären“ Geheimhaltung, so dass nicht selten auch legal besuchbare Orte als Geheimnis verkauft werden. Es gibt auch viele Räubergeschichten, die von schießenden Förstern, blutrünstigen Wachhunden und aggressiven Nachbarn berichten, deren Wahrheitsgehalt aber im Promillebereich angesiedelt ist. Es ist ein Extrem, wohingegen der Grundgedanke immer noch der ist: Schutz.

Schutz wo vor? Nicht vor anderen Menschen, die respektvoll mit den entdeckten Orten umgehen wollen, die vielleicht ebenfalls nur eine Entdeckung tätigen wollen. Es geht sich um den Schutz vor Dieben, Vandalen, Brandstiftern, oder auch „Urbexern“ – jener Sorte davon, die dort ihre Böller zünden wollen. Es liegt also grundsätzlich keine Boshaftigkeit im Prinzip der Geheimhaltung, eher der Wunsch der Konservierung, des Erhalts der Orte. Warum das wichtig ist, wo die Orte doch eh „verloren“ sind?

Je unbeeinflusster ein Ort sich darbietet, je mehr Geschichte der vorherigen Zeit er transportieren kann, desto interessanter, spannender ist dieser Ort. Desto wichtiger ist es, ihn für den nächsten Besucher so zu erhalten – damit dieser ebenfalls die Vergangenheit für sich entdecken kann. Ein niedergebranntes Chateau kann nichts mehr berichten, nichts mehr erzählen und weder einem fotografierenden Urbexer etwas bieten, noch einem nur umherstreifenden.

Zur Beruhigung sei aber gesagt:
Stellt man sich vernünftig ab, so findet man auch den Anschluss an andere Urbexer, mit denen man Orte entdecken kann. Alles immer eine Frage des persönlichen Engagements.
Als kleine Randbemerkung sei noch erwähnt: Nicht nur Urbexer machen ein Geheimnis aus ihren Orten – immer mehr Naturfotografen betreiben ebenfalls die notwendige Verschwiegenheit um Plätze, da in Vergangenheit viele der bekanntgewordenen Orte vom Anstrom der Neugierigen zerstört wurden, die weniger Respekt vor der Natur besaßen, als die Fotografen vor ihnen.

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