Der kleine Urbexknigge

Oder: Wir müssen mal ganz dringend reden

Urbex und die wunderbare Kunst der Stille

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u häufig sieht man sie auf Youtube: Die schreienden, die fummelnden, die tatschenden “Youbexer”. Sie parken direkt vor der Location, das Auto beklebt mit ihrem Namen, einem Logo und der Adresse zur Website, oder direkt zum Kanal. In Tarnfleck gekleidet, mit riesigen Rucksäcke bewaffnet, halten sie ihre Selfiesticks in den Himmel und brabbeln drauf los, als würde ihr Leben von der Menge an gesprochenen Wörtern abhängen. Sie rennen in die Orte, rappeln an jeder Türe, kommentieren dies alles in ungeahnter Lautstärke und machen den desinteressiertesten Nachbarn darauf aufmerksam, dass hier gerade etwas nicht so tolles passiert. 

Diese – und viele weitere – Verhaltensweisen sind es, die uns allen schaden – egal wie ihr euch bezeichnen wollt (ob Fotograf, Urbexer, oder Influencer). Mittlerweile erreicht das “Hobby” eine ungeahnte Präsenz, die sich nicht mehr umkehren lässt und seit einigen Monaten nur noch negatives von Menschen in Ruinen zu zeigen scheint. Schön war es noch nie, egal was viele alte Hasen so behaupten; auch früher gab es bereits Vollirre, die durch die Objekte trampelten, als wären sie die einzigen Menschen auf der Erde. Der Unterschied zu heute ist nur: Früher war die “Scene” noch viel, viel kleiner und dementsprechend auch die Gesamtmenge an atmenden Evolutionsverweigerern unter den “Urbexern”. 

Wer jetzt bis hier gelesen hat, der hat auch den Rest verdient…

 

Diskretion

Meine wichtigste Empfehlung direkt vorweg, falls ihr mit dem Gedanken spielt selber zu urbexen: Tut es nicht.

Lasst es. Ernsthaft. Es gibt mittlerweile so viele, so unheimlich viele “Urbexer”, dass es damit anfängt “eng” zu werden. Eng bezüglich der Locations und der Toleranz, welche die Nachbarn, Besitzer, Polizisten und gesetzgebende Organe noch aufbringen können. Vor Jahren habe ich bereits davor gewarnt, dass der Hausfriedensbruch irgendwann einmal verschärft werden könnte, oder die Richter langsam die Schnauze davon voll haben und die Verfahren dann eben mal nicht mehr einstellen.

Doch wenn ihr es dennoch tun wollt…

Regel 1: Tarnung bedeutet nicht aufzufallen - In einer Wohnsiedlung fällt Tarnfleck auf

Auch wenn es traurig ist, dass ich das nochmal speziell schreiben muss, aber Tarnfleck ist die ungünstigste Wahl für einen Urbexer. Mit 16 ist es vielleicht cool, auf dem Bau reiner Pragmatismus und ansonsten ein seltsames, politisches Bekenntnis, aber beim Urbexen hat es nichts zu suchen. Normale und unauffällige Kleidung, die einfach zu säubern ist, sollte eure erste Wahl sein. 

Regel 2: Respekt zu haben ist keine geistige Enschränkung

Man bewegt sich auf fremden Eigentum – das muss immer der erste Gedanke sein, den man beim Betreten eines Ortes hat. Es gehört einem nicht. Das bedeutet auch, dass man augenscheinlich verlassene und sich selbst überlassene Orte so behandelt, als könnte jeden Moment der Besitzer durch die Türe schreiten. Also werfen wir nichts umher, wir reissen keine Türen auf, fassen nicht alles an (wir fassen gar nichts an!) und verändern auch nichts. Man geht grundsätzlich schon das Übel des Hausfriedensbruchs ein, um den Ort erleben und dokumentieren zu können – dabei sollten wir es auch belassen. Gleiche Regel auch im Umgang mit Nachbarn und Besitzer: Werdet ihr unfreundlich empfangen, dann diskutiert nicht mit den Leute. Maximal erklärt ihre euch und eure Absichten, gebt den Menschen vielleicht noch eine Visitenkarte und erzählt etwas zu euren Hintergründen, aber dann geht ihr. Freundlich. So wie ihr es euch wünschen würdet, wenn jemand von euch erwischt wurde. 

Dieser Respekt beschränkt sich übrigens nicht nur auf die Handlungen vor Ort – auch in euren Berichten solltet ihr diskret, zurückhaltend und höflich sein, wenn es um die Beschreibung des Ortes, oder der vorherigen Bewohner geht. Immer dran denken wie ihr euch fühlen würdet, wenn ihr im Internet einen Bericht über das leerstehende Haus eurer Großmutter sehen würdet, welcher mit dem Titel “HAUS DER VERLORENEN NAZIHEXE!11!!!!111” versehen wurde – nur weil Oma ein Bild von ihrem gefallenen Bruder in Uniform auf dem Nachttisch stehen hatte.

Regel 3: Wer erwischt wird springt zu Regel 2

Es liegt nicht nur am Alter und den Wohlstandspolstern, dass ich nicht vor dem Sicherheitsdienst, oder der Polizei, wegrenne – wenn ich erwischt wurde. Diese Menschen machen ihren Job, ich bin der Störenfried mit guten Absichten und es hat auch etwas mit Höflichkeit zu tun, diesen Menschen nicht unnötig Stress zu bereiten. Ein positiver Nebeneffekt dieser inneren Grundhaltung ist auch: Ich bin immer gut weggekommen, wenn ich zu unvorsichtig war. Persönlich kann ich also nicht von irgendwelchen Horrorgeschichten berichten, oder musste mir das Pfefferspray aus den Augen waschen. Früher, als ich noch rauchte, blieb ich stehen, machte mir eine Zigarette an, kramte die Kamera langsam weg und ging auf die Leute zu, während ich damit begann mich und meine Begleiter vorzustellen – zusätzlich schüttelte ich den Menschen auch die Hand und holte danach bereitwillig Visitenkarte und, ggf., Personalausweis hervor. Heute lasse ich die Zigarette weg. 

Regel 4: Seid leise! LEISE!

Nichts hat mich damals so sehr schockiert, wie der Besuch in der Papierfabrik in Düsseldorf; Jugendliche strömten dort in Massen umher, bewaffnet mit Böllern und Ghettoblastern. Ähnliche Szenen auch in Belgien, bei denen hereinplatzenden Urbexer über Etagen hinweg sich etwas zuriefen, unregelmäßig und sinnfrei herumbrüllten und auch etwas umstießen, was man besser nicht umgestoßen hätte. Es sorgte für den vorzeitigen Abbruch meiner Expedition und dem mir zugute kommenden Genuss des Zuschauens, als die wallonische Polizei kurz darauf anflog und das Gebäude räumte. Die Polizei hatte nicht ich gerufen, sondern der Nachbar. Achtet darauf wie laut ihr seid, denn im Idealfall hört man euch gar nicht und es hat auch den grandiosen Vorteil dass ihr alles hört, was sich so nähert und bewegt. 

Regel 5: Lass die Finger davon!

Andenken bringt man von Reisen mit, nicht vom Urbexen! Was vor Ort war, bleibt auch vor Ort und sollte eigentlich selbstverständlich für euch sein! Die einzig legitimen Mitbringsel sind etwas Schimmel, vielleicht noch ein paar Flocken Asbest in der Lunge und wenn ihr fotografiert: Bilder auf der Speicherkarte. Punkt. 

Regel 6: Objektschutz!

Mir ist bewusst, dass es vielen mittlerweile herzlich egal geworden ist, was mit den Objekten nach ihrem Besuch geschieht. Zugleich sind es aber auch die Personen, welche direkt und als lautstärkste Posaunen losheulen wenn “ihre” Traumlocation brennt, ausgeräumt wurde, in Trümmern liegt oder für den neuesten Amateurporno von Dirtygabi56 (aus)genutzt wird. 

Das hat kein Ort verdient und es hat auch automatisch wieder mit Respekt zu tun. Bewusst rede ich hier aber nicht von öffentlich begehbaren Orten, wie, z.B., die Panzerwracks in Aachen, wo man am Wochenende ganze Familien antrifft die sich einen netten Ausflug machen – ich rede von verlassenen Maisons, Industrieobjekten im Tiefschlaf und kleinen, kostbaren Perlen, welche als Zeitkapsel für den behutsamen Entdecker überdauert haben. 

Zu oft sehe ich von solchen Orten Aussenaufnahmen oder anderweitige Fotos von Rechnungen, Briefen und vergleichbaren Adresslieferanten. 

Regel 7: Ruhm schlägt gerne um

Klar, der dicke alte Mann war auch schon mal in der Presse und sollte die Backen nicht so weit aufreißen – weiß ich. Doch ein gutes Gefühl hatte ich nie dabei und tatsächlich war der Artikel des Kölner Express bisher der beste, den ich begleiten konnte. Mehrere Anfragen habe ich aber abgelehnt, auch von größeren Zeitschriften, einigen Sendeformaten und unzähligen Studenten, die angeblich ihre Arbeit über das Thema Urbex schreiben wollten.

Man lässt sich jedoch hin und wieder gerne dazu hinreißen ins Rampenlicht zu hüpfen, aber habe ich meine Gesamtpräsenz im Web über die Jahre immer weiter reduziert und beschränke mich grob nur noch auf diese Website, plus 1-2 geschlossene Foren. Facebookgruppen sind mir ein Graus, über die ich nur die aktuellen Entwicklungen verfolge – mich aber nicht beteilige.

Warum? Weil Rampenlicht und Präsenz schnell auf euch zurückfallen können – plötzlich entdeckt ein Angehöriger Bilder aus der Wohnstube seiner Eltern und ist darüber gar nicht erfreut, was man von dem Anwalt dann nicht mehr sagen kann, der im Anschluss beauftragt wird und euch anschreibt. Je weniger ihr in Erscheinung tretet, desto weniger lauft ihr Gefahr einmal eine böse Überraschung im Briefkasten auffinden zu können. 

Abschluss

Im Grunde ist es eigentlich traurig genug, dass man diese Regeln niederschreiben und auf sie verweisen muss. Dieser Zustand hat aber nichts mit dem Alter, oder “der Generation” zu tun, wie viele immer gerne behaupten – es hat viel mit der Art von Menschen zu tun, die in die Szene geströmt sind; es herrscht eine Art Goldgräberstimmung, wenn es um die Mitnahme von “Souvenirs” geht und Dreistigkeit scheint besonders hoch im Kurs zu stehen.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Fall eines “Youbexers” aus dem Pott, der keine Hemmungen besaß und diverse Kleinanzeigenportale mit gestohlenem Inventar aus unterschiedlichen Locations flutete – und bei seiner Ertappung noch so tat, als wolle man ihm was böses und man wolle ja nur seinen Ruf schädigen, weil man ja so neidisch auf seinen Erfolg wäre…

Abschaum. 

Solche Personen zerstören Urbex, weil sie automatisch jeden in den Dreck ziehen und die Thematik in die Kriminalität rücken! Seid nicht so, wenn ihr es macht! Seid anders, seid Entdecker, Erkunder und Bewahrer. Stell euch immer vor, wenn ihr jemanden im Haus eurer verstorbenen Großeltern vorfinden würdet – darauf aufbauend habt ihr euch zu verhalten. Die wichtigste Regel. 

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