Wir analysieren ein Bild

Teil 1 - "The Bodyguard"
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eute möchte ich einmal eine neue Serie starten, damit endlich mal ein wenig “Inhalt” – neben den Fotoreportagen – auf diese Seite kommt: Wir analysieren ein Bild auf seinen Hintergrund, seine Entstehungsweise und seinen Inhalt.
Oder anders gesagt: Was hat der Mann sich dabei gedacht, als er auf den Auslöser drückte, es bearbeitete und danach hochlud? 

Allgemein ist das doch viel interessanter, als die stupide “welche Brennweite und welche Belichtungszeit?” Fragerei – weil es im Endeffekt nämlich nichts ausmacht an der eigentlichen Bildaussage. Dazu irgendwann einmal später mehr…

Die Geschichte zum Bild

Beginnen möchte ich mit einem Bild, welches ich 2014 im Dezember gemacht habe und bis heute eines meiner Lieblingsbilder ist: The Bodyguard

Ich hatte mich mit einem guten Freund (Manolo Perulli) für eine recht spontane Fototour durch Aachen verabredet, inklusive eines Ausflugs über den lokalen Weihnachtsmarkt der schon zu Mittagszeiten mit überteuerten, gebratenen Pilzen und Glühwein lockte – auf dass Galle und Leber Doppelschichten schieben könnten. Bezüglich der Temperaturen, war es durchaus knackig kalt und von überall her strömte undefinierbarer Dampf auf, waren die Mensch gut eingepackt unterwegs. Erstaunlich für mich und obwohl es noch recht früh am Tag war, strömten bereits ungeahnte Menschenmassen durch die Innenstadt und über den Weihnachtsmarkt. Kopf an Kopf, pressten sich die Menschen durch die eigentlich breiten Straßen und Gasse und irgendwie schien keiner von ihnen in besonders guter Stimmung zu sein an diesem Tage.

Corona kannte damals noch keiner, so dass es zu den gewohnten “Sardinen in der Dose” Momenten kam. Als wir über den Markt in die Krämerstraße einschwenkten, schoss uns auch direkt die überfüllte Szenerie des absoluten Weihnachtsirrsinns entgegen, dem jeder normaldenkende Mensch sofort zu entkommen versuchen würde. Ein perfektes Jagdgebiet. Entgegen meiner üblichen, ruhigen Art zu fotografieren, wurde es hier hektisch für mich, als ich den sichtlich erschöpften und überforderten Vater in der Masse erblickte und Manolo noch schnell ein “da vorne!” zurief. Ruckartig riss ich die Kamera hoch, das Objektiv in der Bewegung auf Verdacht zur maximalen Brennweite rausgezogen und vertraute auf den mittleren Fokuspunkt, den ich stets zur damaligen Zeit nutzte – Schnapp! Da war es im Kasten. 

Das Bild - The Bodyguard:

Das wieso und wie:

  • Warum S/W?

    Damals hatte ich eine besonderes Vorliebe für S/W Aufnahmen, die sich bis heute eigentlich gehalten hat. Bei dem Motiv kam zusätzlich hinzu, dass die Szenerie in Farbe zu überladen schien und der Kerninhalt des Bildes dadurch untergehen würde.

  • Warum das 1:1 Format?

    Allgemein eher ein mittlerweile ungewöhnliches Format, begeistert mich das Quadrat als Bildformat ungemein, nicht zuletzt auch weil ich hin und wieder doch gerne mit meiner Rolleiflex T unterwegs war und es dadurch gewohnt war. Hier verdichtete es, in meinen Augen, die Szenerie noch mehr und übertrug in Verbindung mit dem unruhigen Hintergrund noch mehr den Eindruck des Gedränges. Aus der Not eines Tugend gemacht.

  • Womit geschah die Bearbeitung?

    2014 war ich noch mit Lightroom unterwegs, bevor Adobe auf dieses unsinnige CC System umschwenkte. Hier erfolgten die ersten Grundanpassungen, wie Zuschnitt und Entfleckung. Für die Konvertierung in S/W verwendete ich aber bereits Silver FX Pro, welches damals im Bundle von Google inbegriffen und von mir für etwas um die 120 Otternasen erworben worden war (einige Zeit danach verschenkte es Google und stampfte es kurz danach ersatzlos ein – danke für nichts). Bis heute meine liebste Software, wenn es um die Konvertierung ins S/W Format geht.

  • Was sind das für Kringel? Trioplan?

    Tatsächlich entstammen die Kringel keinem Trioplan, sondern dem 24-70 2.8 VC von Tamron, welches ich damals zum ersten Mal ausführte an der 6D. Meines Erachtens eine absolute Traumlinse, mit einem ansonsten doch sehr ansehnlichen “Schmelz”. Ich trauere ihr bis heute auf dem Fuji System nach und hoffe, dass Tamron hier irgendwie mal abliefern will und wird.

  • Was sagt das Bild für dich aus?

    Für mich persönlich ist das Bild eine komprimierte Zusammenfassung dessen, woran die moderne Zeit krankt: Hektik, Überlastung, Druck und keine Chance dazu einmal alleine zu sein. Man wird in eine Welt geboren, die ab dem ersten Tag verlangt. Diesen Irrsinn haben wir uns selbst geschaffen und wir erhalten ihn Aufrecht, immer weiter und von Generation zu Generation perfektionieren wir ihn weiter. Im Gesicht des Vaters kann man das ohne Zweifel erkennen, aber auch in den anderen, die ihn umgeben – Angst, Wut und ein Hauch von Verzweiflung liegt in allen Gesichtern, besonders die Note Hass im Gesicht der Dame im Vordergrund. Wir sind halt alle nur so gut, wie man es uns sein lässt und in solchen überfrachteten Momenten guter Laune zu sein, dies benötigt schon einen sehr ungestümen, unbeeindruckbaren Charakter, den auch ich nicht unbedingt vorweisen kann.

I

ch hoffe, ich konnte einen halbwegs informativen Einblick in das “wieso und weshalb” liefern. Wieso ich genau in dieser Situation abgedrückt habe, habe ich aber bewusst nicht beschrieben – weil ich es selber nicht in definierbare Worte fassen kann. Es gibt Szenen, die “erkennt” man einfach auf Anhieb und manchmal sind es auch einfach Szenen, die man daheim dann doch wieder löscht. Zur Ausnahme war ich mir hier aber direkt sicher, ein halbwegs gutes Foto gemacht zu haben. Manchmal ist es die kleine Stimme im Hinterkopf, die sagt “Mach ein Foto, jetzt!” und man sollte einfach auf sie hören.

Ob es antrainierte “Blickweisen” sind, oder irgendein Gespür? In jedem Fall habe ich es, bei dem Ausschuss den ich sonst so produziere, sicherlich nicht “mitgegeben” bekommen, sondern eher antrainiert.

So viel dazu. Falls ihr noch Fragen haben solltet, hinterlasst sie mir doch einfach in einem Kommentar und ich werde versuchen sie zu beantworten.

Weiterer Stoff

Comments (1)

Lieber Sascha,

zunächst muss ich Dir zu diesem Foto gratulieren. Das Format ist top, schwarzweiss passt hervorragend, Bildaufbau mit Vordergrund – hier prägend die finsteren Minen -, HIntergrund, der im unscharfen den Weihnachtsmarkt erahnen lässt und dann genau im goldenen Schnitt, the Bodyguard, der zwei Köpfe größer scheint, als der Rest. Er strahlt eine Gelassenheit aus, die sich allerdings nicht auf die anderen Weihnachtsmarktbesucher überträgt. Vielleicht macht ihn das zusätzlich besonders in dem Foto, neben seiner Größe und natürlich seiner Hautfarbe.

Im Dezember 2014 gab es zwar schon das Recht am eigenen Bild, aber noch keine DSGVO, wobei ich auch heute noch der Meinung bin, dass eine Person, die so positiv dargestellt wird, keinen Grund zum Meckern hat.

Vielleicht sollte man aktuell mal auf Motivsuche gehen; mit den Mund-Nasen-Schutzmasken wird die DSGVO ja automatisch ausgehebelt 🙂

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