Crystallerie

Cristalleries du Val Saint-Lambert
RR

Besucht im Jahr 2013

E

in neues Jahr, immer noch COVID. Auch 2021 befinden wir uns im Pandemiedebakel, voller Unfähigkeiten, Unverständnis und Unwilligkeit. Mittlerweile bin selbst ich müde geworden, ausgelaugt und merke immer mehr, wie sehr mir doch die Isolation zusetzt – auch ohne die immer auffälliger werdenden Menschen um einen herum. Die Gemüter sind teils instabil, die Nerven liegen blank und ich will dabei nur meine Ruhe und ein baldiges Ende der Krise, herbeigeführt durch eine stabile, kompetente Politik der Krisenbewältigung. Lustig, oder? Da kann ich direkt nach dem Weltfrieden fragen…

Viel zu oft bin ich mittlerweile zu müde, um irgendwelche Projekte anzugehen, oder das Liegengebliebene endlich abzuarbeiten. Vielleicht ist es ja auch der Polyp in der Nase, welcher mir so zusetzt? Wäre dann nur OP Nummer drei, in knappen 4 Jahren. Oder doch die Ausklänge der üblichen Winterdepression? Da wundert es auf jeden Fall nicht, dass ich erst jetzt dazu gekommen bin die Bilder der Crystallerie erneut hochzuladen. Zumindest mich nicht.

Wann war ich nochmal da? Vergesslich werde ich auch noch…

Kunst in Kristall

Das sich das Objekt in der Restrukturierung befindet und derzeit renoviert und umgebaut wird (Gott sei Dank!), bin ich erneut ein wenig freizügiger mit Informationen und liefere etwas zur Geschichte.

Im Schwung der Industrialisierung und der damit verbundenen neuen Art der Geschäftigkeit, entstanden entlang der großen Wirtschaftsrouten (die fast immer entlang der großen europäischen Flüsse vorzufinden waren, bis später die Eisenbahn eine geographische Unabhängigkeit von Fließgewässern erwirkte) viele kleinere, wie auch größere neue Betriebe, die sich von den einst kleineren Manufakturen unterschieden; Nicht mehr der Überlebenstrieb und der Wunsch nach einem gütlichen Auskommen einzelner Handwerkerfamilie sorgte für die Geschäftigkeit in den Manufakturen – es war der Wunsch nach Gewinnen von Unternehmern, welche in größeren Maßstäben dachten und bereits Serien- und Massenproduktionen von bestimmten Waren anstrebten. Dies war historisch gesehen sicherlich keine neuartigen Entwicklung (bereits die alten Römer produzierten in Serie und Masse Rüstungen und Waffen), doch war es das erneute Aufkeimen dieser Idee nach einer langen Zeit des Niedergangs und des Fehlens von Entwicklung. Alles floss miteinander ein: Renaissance, Humanismus, französische Revolution, die Entwicklung der Dampfmaschine, der Fortschritt in der Montanindustrie…

Nach Jahrhunderten des Stillstands, der Nöte, Seuchen und schrecklichen Kriege, blühte plötzlich der Fortschritt und die Menschheit machte nicht nur einen, sondern gleich vier Sprünge auf einmal. Die beschränkende Macht der katholischen Kirche war als letztes Hemmnis einer freien Entwicklung gebrochen – spätestens seit dem schrecklichen 30 jährigen Krieg, der Abspaltung der britischen Kirche, wie auch der französischen Revolution (zeitlich durcheinander aufgelistet, ich weiß). So kam es, dass ein Kloster der Zisterzienser, welches im Jahr 1796, im Rahmen der französischen Revolution (welche auch ihre Auswirkungen auf das Gebiet des heutigen Nationalstaates Belgien hatte), aufgelöst wurde, eine neue Heimat für eine industrielle Glasproduktion werden konnte – ohne dass die Besitzer den “Bann” eines Mannes aus Rom fürchten mussten, welcher vielleicht die falsche Tasse Tee zum Frühstück serviert bekommen hatte.

Internationaler Austausch

Natürlich war dies aber keine Entstehung aus “sich selbst heraus”, ohne Starthilfe von außen; der Brite George Ravenscroft (1632-1683) trieb die Entwicklung einer neuen Sorte Glas voran, welche die maximale Verarbeitungszeit des heißen Werkstücks für die Arbeiter erhöhte und zu besseren Endergebnissen durch Beigabe von Bleioxid führte. Zwar war er nicht der Entdecker dieser Mischung, doch verfeinerte er eben jene derart, dass sie zum Erfolg werden konnte.
Dies schaffte erstmalig die Möglichkeit Glas auch durch normale Arbeiter und in größerem Stil herstellen, wie auch bearbeiten zu können.
Ganz besonders erwähnenswert ist diese Entwicklung auch deswegen, weil sie etwas mit sich brachte was sonst nur mit staatlicher Hand zu schaffen war und ist: Die Brechung von Monopolstellungen – denn bis zu diesem Zeitpunkt lagen nämlich die großen Zentren der Glasproduktion in Böhmen und Venedig, welches ihrerseits “ihr” Bleiglas produzierten und dessen Rezeptur hüteten.

Nun lösen wir also auch direkt die Frage auf, wieso diese Fabrik denn “Cry(i)stallerie” genannt wurde: Bleiglas wird im Englischsprachigen auch als “Crystal” bezeichnet, so dass die Verwendung des Namens “Crystallerie” auch zugleich das Hauptprodukt offenbart, das Bleiglas. Nebenbei: Auch die Sorte “böhmischer Kristall” ist wohl heutzutage ein Bleiglas, wobei es wohl auch bleifreie Sorten mit Calciumcarbonat gibt/gab (die Quellen sind da mannigfaltig und verwirrend…).

Während also ein Brite die Grundlage schaffte, waren für die kontinentale Entwicklung im Bereich der frankophonen Nationen zwei andere Herren zuständig, die ich hier nur am Rande kurz erwähnen möchte (sonst wird es zu lang und mir schwindet die Lust): Aimé Gabriel d’Artigues (1773-1848) und Sébastien Zoude (1707 – 1779).
Beide waren Pioniere auf dem Bereich der industriellen Glasfertigung Kontinentaleuropas, brachten den Prozess der Herstellung von Bleiglas aus Großbritannien herüber und gründeten, trotz allerlei politischer Wirrungen, eine Vielzahl von Glashütte im Bereich Nordfrankreichs und Belgiens (vorzugsweise innerhalb der Wallonie).

Man könnte also durchaus von einem “Glasboom” sprechen, der damals stattfand: Glas konnte nun günstig in bester Qualität hergestellt werden, zugleich wurden die teils filigranen und komplexen Stücke, für die es zuvor Hand erfahrener Meister brauchte, nun von weniger erfahrenen, wie auch weniger teuren, Fachkräften gefertigt und somit für den Massenmarkt tauglich gemacht.

Etwas abgekürzt…

Doch zurück zum Objekt der Crystallerie selbst, bevor ich noch über die Entdeckung von Sand schwadroniere…

François Kemlin und Auguste Lelièvre, beide erfahren in ihren Bereichen wenn es um die Produktion von Glas ging, gründeten 1825 die “Cristalleries du Val-Saint-Lambert” – oder auch “Société anonyme des Verreries et Établissements du Val-Saint-Lambert”. Zu den Aktionären gehörte übrigens auch König Wilhelm I. von Oranien, damals Herrscher des Königreichs der Vereinigten Niederlande, zu welchem die Region Lüttich bis 1830 angehörte.

1826, im Juni, brannten die Öfen dann zum ersten Mal zur regulären Produktion der Waren; bereits ab 1835 (jetzt im Königreich Belgien) musste man die Produktionsflächen vergrößern und eigene Quartiere für Arbeiter errichten. Dies sollte nicht die einzige, soziale Errungenschaft der Werksbetreiber bleiben: Eine Bank für die Arbeiter, wie auch eine Krankenkasse wurden gegründet. Diese sozialen Einrichtungen, die gewiss nicht selbstverständlich für diesen zeitlichen Abschnitt waren, sorgten dafür dass erst 1921 der erste Streik der Belegschaft stattfand.

1848, im Jahr der europäischen Revolutionen, wird das Unternehmen auf eine erste, schwere Probe gestellt: Der Umsatz geht auf ein Drittel zurück, Exporte werden durch die politischen Spannungen und Unruhen erschwert, wenn sie denn überhaupt möglich sind. Die Öfen und Mitarbeiter werden im Wechsel betrieben, die Produktion reduziert.

In den 1850er Jahren wird die Produktion wieder hochgefahren, der Umsatz verdreifacht im Vergleich zum Jahr 1839. Verschiedene Neuerungen, ein neuer Direktor und der technische Fortschritt, ermöglichen Vereinfachung und Erhöhung der Produktion, wie auch immer anspruchsvollere Werkstücke, wie im nächsten Punkt bewiesen wird:

1894 übertrifft man sich selbst: Eine Vase, 2,25m groß und um die 200 Kilo schwer, wird während der Exposition Internationale d’Anvers präsentiert. Das Kunstwerk besteht aus 82 einzelnen “Kristallen”. Seine Fertigung wurde von 30 Arbeitern in über 2000 Stunden vollbracht. Die “Vase des neuf Provinces” kann heutzutage im Palais des princes-évêques de Liège besichtigt werden, wo sie, seit einem Feuer am eigentlichen Ausstellungsplatz in Val-Saint-Lambert, verweilt.

Bereits seit 1880 finden 2800 Arbeiter ihr Auskommen, welche täglich im Durschnitt 120.000 der gläsernen Waren produzieren. Dies entspricht einem Ausstoß von 43.800.000 Produkten mit dem Siegel von Val-Saint-Lambert im Jahr. Jährlich steigend, wohlgemerkt – bei einer Exportquote von fast 90%. Die Produkte sind und bleiben gefragt, besonders wegen ihrer feinen Schliffe – so bietet man 1904 im hauseigenen Katalog bereits 192 verschiedene Produkte an.

Ab hier möchte ich dann auch aufhören, die einzelnen Zeitpunkte und Bedeutsamkeiten aufzuzählen. Es folgen nämlich nur noch Krieg, Niedergang und Trauerspiele: So wurde das Werk von der Provinz Lüttich gerettet, für einen symbolischen Preis später an einen Immobilienverschebler veräußert und die erwähnte Vase… nun, die Frau des Werkkäufers drohte sie bei Sotheby’s zu verschachern, so dass ein gemeinnütziger, niederländischer Verein, unter Beteiligung der Provinz Lüttich, sie für über 320.000 Euro von der Dame erwerben musste. Die Geschichte endet grundsätzlich also unrühmlich und mehr, oder minder, traurig wie die so vieler europäischer Produktionsstandorte. Zwar wird dort noch immer produziert, aber auf viel niedrigerem Ausstoß für eine erlesenere Kundschaft.

Heutzutage sind dort wohl nur noch um die 50 Arbeiter beschäftigt und eine erneute Übernahme des Werks (zumindest 75% der Anteile), 2018 durch Goerge Arthur Forrest, brachte wenigstens finanzielle Sicherheit, nach Jahren des Auf- und Nieders. Derzeit laufen zudem Umgestaltungsmaßnahmen auf dem ehemaligen, historischen Areal (das Gebiet, aus welchem meine Fotos stammen); entstehen soll dort so etwas wie ein “Glaspark”, welcher Geschäfte, Wohnungen, Hotels und anderweitige Freizeiteinrichtungen bieten soll. Bleiben wir gespannt, denn wie bereits in Cheratte zu sehen war: Nach dem Abriss kann auch weitergehender Stillstand bedeuten.

 

P.S.: Es sind nicht alle Bilder dabei, aber ich finde meine alte Festplatte (noch!) nicht, auf der mein zweiter Besuch festgehalten wurde. Sobald ich die Bilder habe, lade ich sie einfach klammheimlich hoch. 

Weiterer Stoff

Muskatnuss, Herr Müller!

Aachen, 06:00 Uhr – es regnet, was für Aachen mehr als nur typisch ist, ja gerade zu “Charaktergebend” wirkt auf diese Stadt; der Aachener ist für gewöhnlicher eher ein mürrischer (wohlwollend formuliert), auch ein eher zurückhaltender Typ, der so gar nichts mit dem so oft gepriesenen Kölner zu tun hat.

Die Nadelschmiede – Singerwerk Würselen

Da gibt es manchmal Orte die vergleichbar sind mit den schönen Frauen, an denen wir täglich vorbei laufen und sie dabei ausgiebig und sehnsuchtsvoll betrachten…

Cemetery of the Insane

Zeit. Zeit ist kostbar, sehr kostbar. Diesen Faktor kalkuliert man die ersten 2-3 Jahrzehnte seines Lebens nie so wirklich ein, während man durch die Erziehung, die Schule, die Ausbildung und noch andere Dinge gepresst wird, um am Ende als “Erwachsener” in die Gesellschaft entlassen zu werden.

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