Wir analysieren ein Bild – Teil 3

Teil 3 - "Ruhe"
Zu Teil 2 von ``wir analysieren ein Bild``
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uhu, 2021 ist da! Endlich hat 2020 sein Ende gefunden, wir sind alle geimpft, die Welt wurde gerettet und alles ist toll. Na ja, nicht so wirklich, denn bisher wirkt 2021 wie die nahtlose Fortsetzung von 2020 – in fast allen Belangen, außer dass wir nun Schutzmasken haben und laaangsam Impfdosen eintrudeln. Doch von einer historischen Einschneidung sollte man sich die Fotografie nicht verderben lassen (eigentlich sollte man erst dann richtig loslegen und dokumentieren…), also geht es hier weiter – und dieses Mal mit einem aktuellen Bild. Frisch aus der Kamera, sozusagen. Achtung: Heiß!

Die Geschichte zum Bild

Vorweg sollte ich erwähnen, dass ich grundsätzlich mit dem Konstrukt einer Religion nur wenig anzufangen weiß:
Der Gedanke daran, dass eine Gruppe von Menschen die exakt gleiche Vorstellung von Spiritualität, “Gott” und dem unwissenschaftlichen, “magischen” Entstehungsprozess des “Seins” anhängt, wirkt auf mich immer befremdlich genug, um nach Möglichkeit so wenig damit zu tun haben zu wollen, wie es nur eben geht. Allein die Tatsache, dass abweichende Vorstellungen so gut wie nie toleriert werden, widerspricht mir schon.
Bevor nun aber ein leises Aufstöhnen ertönt, oder der erste Scheiterhaufen aufgetürmt wird: Und dennoch respektiere ich es, wenn jemand in dieser Form religiös ist und seinen Glauben gefunden hat – dabei ist es mir sogar egal, ob er meine Ansichten respektiert.

Immerhin sollte es doch ausreichend sein, wenn ich damit zufrieden und glücklich bin 😉

Nach so vielen Zeilen der Rechtfertigung und Vermeidung böser Nachrichten, möchte ich dann nun schleunigst auf das Bild eingehen, welches keine 3 Tage alt ist.
Das Bild zeigt einen Ausschnitt des sogenannten “Camposanto” (wortwörtlich im Italienischen “heiliges Feld”, was dem “Gottesacker” im Deutschen entspricht – was wiederum eine generelle, veraltete Benennung für einen Friedhof darstellt, hier aber speziell das Gebäude bezeichnet) des Westfriedhofs in Aachen. Diese Grufthalle, die erst recht spät erbaut wurde und sich dadurch von den anderen in Deutschland unterscheidet, ist etwas Besonderes für Aachen und zog mich bereits früher magisch an, wie es auch den umliegenden Gräbern mit ihrer Ausarbeitung und den prächtigen Steinhauerarbeiten gelang. Bereits 2014 im Spätherbst, als die Tage kürzer wurden, wanderte ich hier umher und suchte Motive, wobei ich die Abwesenheit von Stress und Trubel für mich entdeckte und genoss. Natürlich wirkt es auf den ersten Blick seltsam, doch Entspannung und Ruhe auf einem Friedhof zu finden ist nichts abwegiges, oder schrilles – für mich sind diese Orte der einzige Rückzugsort, an dem Menschen sich zumindest an gewisse Spielregeln halten, ohne ihre Persönlichkeit ungewollt in die anliegende Umgebung zu entlassen (und andere Menschen mit ihr zu belasten).

So zog es mich noch viele Male nach hier, immer wenn ich ein wenig Ruhe suchte und so sollte es mich auch vor einigen Tagen erneut hierhin verschlagen, als ich, unter Berücksichtigung aller Abstandsregeln, mit einem guten Freund und Fotografen ein paar ruhige Augenblicke verbringen wollte. Schon oft zuvor hatten wir einen Ausflug hierhin geplant, um die beeindruckenden Grabmäler und Skulpturen festzuhalten, aber wie es nun einmal so ist im Leben: Vieles kommt dann doch immer dazwischen, oder anders als man denkt – aber nicht an diesem Tag.

Was jedoch bereits auf der Anfahrt abschreckte waren zwei Dinge: Die makellose Sonne, die uns beiden nicht in den fotografischen Stil passte, wie auch die Massen von Menschen, die ebenfalls an diesem Tag den Gedanken hatten, hier ihre Ruhe zu finden (wie auch Blümchen vom ansässigen Blumenladen). Wir parkten weit abwärts der Massen, suchten uns unsere Ruhe und eilten, mit Mundschützern und den Kameras bewaffnet, an den im Weg stehenden Menschen vorbei. Zielstrebig gingen wir zum Campo Santo, in der Hoffnung dort Motive ohne Menschen machen zu können, was aber auch dort einiger Wartezeit bedurfte.

Als wir dann endlich die nötige Ruhe hatten, wies ich meine Begleitung ein wenig in den Ort ein und versuchte zumindest mich zu beherrschen, was Erklärungen und Ausschweifungen bezüglich der Geschichte betraf. Es gelang mir nicht immer, aber des Öfteren. Wir trennten uns etwas auf, um nicht einander im Bild zu stehen und während er seine beeindruckende Rolleiflex 6008 AF mit einem 50mm Objektiv aufbaute, kramte ich mein 16mm 1.4 an der Fuji X-Pro3 aus der Tasche heraus. Lange hatte ich die Kamera nicht mehr in der Hand gehabt, wie ich auch allgemein lange kein Foto mehr geschossen hatte, so dass ich anfänglich etwas zu kämpfen hatte, um wieder reinkommen zu können, aber nach einigen Augenblicken saßen die Griffe wieder und ich schlenderte etwas umher und suchte nach “dem” Foto für mich, welches ich zuvor noch nicht hier gemacht hatte. Eine kleine Herausforderung, direkt zum Wiedereinstieg nach der Pause – und ich wurde überraschend schnell fündig. 

Aufgrund der Festbrennweite brauchte ich einige Schritte vor und zurück, beugte und reckte mich und bot mit dieser “Zeremonie” mit Gewissheit einen unterhaltsamen Anblick. Der goldene Schnitt war das Ziel, oder zumindest eine Annäherung daran. Zugleich machten mir die Kontraste Sorgen, da der Dynamikumfang zwar über die Jahre gestiegen sein mag, aber es schon recht an der Grenze schien. Ich tat, was getan werden musste, suchte zum ersten Mal seit Jahren den Bracketingmodus heraus und stellte die entsprechenden Belichtungsabstände auf jeweils eine Blende ein, ein wenig noch die ISO angepasst (500), um etwaige Verwacklungen zu vermeiden, abblenden auf 8 und der letzte Atemzug, bevor der Finger auf den Auslöser drückte – Schnapp! Da war es im Kasten.

Das Bild - Ruhe

Das wieso und wie:

  • Warum hochkant?

    Genau so stiefmütterlich wie das quadratische Format, wird in der Regel die Aufnahme im hochkant behandelt – was alleine schon ein Grund genug für mich ist, um es dann doch ab und an zu bedienen.

  • War die Belichtungsreihe wirklich nötig?

    Darüber könnte man (in Zeiten von “isolosen” Sensoren und angedachten Dynamiken bis 14 Blenden und darüber) sicherlich vorzüglich streiten, Bücher schreiben und sich bis aufs Blut aufregen/blamieren/entblöden, aber am Ende des Tages (in diesem Fall beim Öffnen des jeweiligen Editors) wird gezählt und was dabei rauskommt und verwertbar ist, nur das hat eine Bedeutung. Ich hätte es mit einer Aufnahme vielleicht genau so hinbekommen können, oder vielleicht doch nicht? Wieso also darüber bangen, schaudern und schätzen, wenn eine Taste es so einfach machen kann. Keine Probleme hat man übrigens in solchen Situationen mit Film (Negativfilm, nicht Dia!). Im Zweifel also entweder auf das ungeliebte Kind der Belichtungsreihe zurückgreifen, oder das analoge Geschirr mitnehmen!

  • Womit geschah die Bearbeitung?

    In diesem Fall war die Bearbeitung einmal ein Ausreißer der besonderen Art, da ich beim letzten PrimeDay tatsächlich recht “günstig” (immer relativ zu sehen) ein Jahresabo für Adobe Photoshop CC schießen konnte. So konvertierte ich die Belichtungsreihe aus 3 Bildern zu einem 32 Bit HDR, wonach ich die “Tonung” in Adobes RAW Editor vornahm. Sicherlich ist dieser nicht so fürsorglich zu Fuji RAWs wie Capture One, aber einen Tod muss man sterben und so lange Capture One keine vernünftige Verarbeitung von Belichtungsreihen zulässt, so lange muss man leider ein wenig Fremdgehen…

    Hauptaugenmerk bei der Bearbeitung lag in der Erhaltung der Durchzeichnung des Bildes (alles sollte erhalten sein, keine absaufenden Schatten, oder ausgebrannten Lichte), wie auch in der farblichen Anpassung, die zum Teil auch in Photoshop selbst vorgenommen wurde – schwierig waren hierbei die passenden Korrekturen der farblichen Durchleuchtungen der Fenster, die (für meinen Geschmack) eine zu starkes Orange in den Raum schmissen. Zur besonderen Unterstreichung des Engels, erhielt dieser am Ende der Arbeiten noch eine Aufhellung des Gesichts.

  • Was sagt das Bild für dich aus?

    Wie so oft kann ich hierbei keine genaue Aussage tätigen – für mich ist es tatsächlich nur der Wunsch gewesen, diesen stillen, schönen und sehenswerten Ort gezielt positiv präsentieren zu können, welcher zu diesem Bild führte. Eine besondere Bedeutung gibt es hierbei nicht.

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ch hoffe, ich konnte einen halbwegs informativen Einblick in das “wieso und weshalb” liefern. Wieso ich genau in dieser Situation abgedrückt habe, habe ich aber bewusst nicht beschrieben – weil ich es selber nicht in definierbare Worte fassen kann. Es gibt Szenen, die “erkennt” man einfach auf Anhieb und manchmal sind es auch einfach Szenen, die man daheim dann doch wieder löscht. Zur Ausnahme war ich mir hier aber direkt sicher, ein halbwegs gutes Foto gemacht zu haben. Manchmal ist es die kleine Stimme im Hinterkopf, die sagt “Mach ein Foto, jetzt!” und man sollte einfach auf sie hören.

Ob es antrainierte “Blickweisen” sind, oder irgendein Gespür? In jedem Fall habe ich es, bei dem Ausschuss den ich sonst so produziere, sicherlich nicht “mitgegeben” bekommen, sondern eher antrainiert.

So viel dazu. Falls ihr noch Fragen haben solltet, hinterlasst sie mir doch einfach in einem Kommentar und ich werde versuchen sie zu beantworten.

Weiterer Stoff

Comments (2)

Lieber Sascha, ich finde diese Reihe interessant und spannend. Ich gebe immer gerne meinen Senf dazu, wenn ich darf. Technisch ist das Foto 1a, da gibt es sicher keine zwei Meinungen. Das Hochkantformat unterstützt die hohen Rundbögen. Licht und Schatten sind sehr gut durchzeichnet, alles gestochen scharf und gerade. Die schrägen Schatten lassen vermuten, dass das Foto so um 16 Uhr entstanden ist. Aufgrund der bunten Verglasung des Campo Santo entsteht dieses wunderbare Licht. Einzig fehlt mir auf der linken Seite das Ende der Rundbögen. Auch das Fenster am Ende des Ganges ist nur halb abgebildet. Dadurch entsteht der Eindruck, das etwas fehlt. Mir fallen dazu nur zwei Erklärungen ein: Entweder hast Du das in Ermangelung eines weitwinkligeren Zoombereichs nicht mehr drauf bekommen oder es war Deine volle Absicht.

Natürlich darfst du Andreas – ich freue mich immer von dir zu hören und finde es schade, dass durch Corona im Moment Kontakte so weit eingeschnitten wurden :/ Würde gerne nochmal mit dir und Alexander etwas essen, oder auf Tour gehen. Die Zeiten kommen aber wieder, da bin ich sicher.
Jetzt aber zu deinem Kommentar:

Entstanden ist es tatsächlich gegen 13:48 Uhr, so dass die Schräge noch durch den Sonnenlauf und die Höhe der Fenster zu erklären ist; https://www.sonnenverlauf.de/#/50.7709,6.0516,17/2021.02.28/13:48/1/3 ist ein nettes Tool hierfür. Man muss dabei auch die angedeutet Kreisform des Gebäudes einbeziehen.

Tatsächlich ist es, was das Fenster betrifft, zum einen gewollt und auch “gemusst”, da 16mm am 1.5 Crop (Fuji) den Blickwinkel eines 24mm am Vollformat entsprechen. So hatte ich nicht genügend Fläche zur Verfügung, empfand aber auch das Fenster als im Nachgang zu ablenkend von der Figur, so dass ich ein ganz gutes Gewissen hatte das Fenster recht lieblos zu beschneiden.
So liegt der Engel auf einer 1/3 Marke, das Gesicht recht nahe am Ergebnis der goldenen Spirale und sogar die Flucht zum Fenster hin kommt der Mitte ganz ansehnlich nahe, ohne dass ich ein Höckerchen dabei gehabt hätte 😉

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