Wir analysieren ein Bild – Teil 2

Teil 2 - "Die Couch"
Zu Teil 1 von ``wir analysieren ein Bild``
N

achdem es nun doch einige Resonanz gab, die mich über diverse Kanäle erreichte, führe ich das Format weiter, wie auch ja auch versprochen habe. Dass es dann doch etwas länger gedauert hat, bis der zweite Teil kam, lag an meiner Person: Derzeit (eigentlich das komplette Jahr 2020 über) ersaufe ich irgendwie in allem. Sei es Papier, Sterbefälle in der Familie, oder meiner dadurch anschwellenden Prokrastination. Es ist nicht einfach, aber man boxt sich durch…

Die Geschichte zum Bild

Heute präsentiere ich ein Bild, welches aus meinen “Urbex” Arbeiten stammt. Es entstand irgendwann 2014, einem für mich sehr bedeutungsvollen Jahr, was sich auch in einigen meiner Bilder widerspiegelt:

Meine damalige Beziehung ging in die Brüche, ich erkannte dass Fitness etwas tolles sein kann (und habe es einige Zeit später leider wieder vergessen *hust*) und entdeckte mich selbst. Zusammengefasst könnte man sagen: 2014 war das Jahr meiner persönlichen Reinigung. Ich schüttelte alte Gedanken und Verhaltensweisen ab, atmete durch und versuchte wieder auf die Beine zu kommen. Ich traute mir Dinge zu, die man mir zuvor abzusprechen versuchte und im Verlauf des Jahres lernte ich dann auch noch eine Frau kennen, die heutzutage nun meine Frau geworden ist. 

Dies alles war 2014 und exakt so wuselig wie es schien, so drüber und drunter ging es in meinem Kopf zu. Meine Gedanken waren zeitweise von außergewöhnlicher Schwermütigkeit, was bei mir immer den Drang zum Schreiben auslöst und mich zugleich… wie soll ich es sagen… wie eine schwere Decke einhüllt, um mich für Dinge von “aussen” abzuschirmen. Ab und an suche ich diesen zeitweiligen Zustand, weil ich immer meine dass nur dieser mir brauchbare Texte entlockt. 

Nicht zu vergessen war aber auch, dass ich mich 2014 intensiv mit den Begriffen “FineArt” beschäftigte und zudem versuchte in die analoge Fotografie einzutauchen. Angeregt durch ein Fotoforum, wie auch durch den guten Freund Jörg Bergs, erweiterte ich meine fotografischen Vorgehensweisen und begann zu experimentieren. Hier war es so, dass mir dieser Ort von Bildern anderer Fotografen bereits bekannt war.
Grundsätzlich mag dies nichts sein, was man als “schlimm” bezeichnen könnte, doch hatte die Kenntnis von Motiven einen Nachteil: Man wird automatisch geprägt von einer Perspektive und man muss dringendst aufpassen ein Motiv nicht einfach nur noch “nachzuknipsen”. 

Vor Ort betrachtete ich das Motiv, während ich versuchte nicht über Trümmer des Gemäuers stolpern. Ich ging hin und her, während ich die optische Mitte suchte und begab mich daran mein Stativ einigermaßen stabil aufzustellen. Die Gegenlichtsituation erschwerte die Belichtung, so dass ich auf Spot wechselte und die Mauer hinter der Couch anpeilte, in der Hoffnung so etwas wie eine Zone V zu finden. In meinen Gedanken passte das, aber da ich digital unterwegs war belichtete ich lieber eine 1/2 Blende unter – Spiegelvorauslösung war aktiviert, der Selbstauslöser auf 10 Sekunden (um Schwingungen des damaligen Stativs zu vermeiden) und ich drückte den Auslöser, ging einen Schritt zurück und wartete – Schnapp! Da war es im Kasten.

Das Bild - Die Couch

Das wieso und wie:

  • Warum S/W?

    Wie bereits im ersten Teil gesagt: Damals hatte ich eine besonderes Vorliebe für S/W Aufnahmen, die sich bis heute eigentlich gehalten hat. Hier war es aber auch wie im ersten Teil zu sehen: Farbe hätte nur abgelenkt von Form und Licht.

  • Warum das 16:9 Format?

    Fotografisch eher ein Format für Landschaften, bot es sich hier aufgrund meiner Absicht an, die Couch als zentralen Punkt des Bildes zu betonen. Zu viel “oben und unten” hätte hier nur abgelenkt.

  • Womit geschah die Bearbeitung?

    Die Bearbeitung war ganz ähnlich zum ersten Teil, so dass ich hier etwas Text übernehme: 2014 war ich noch mit Lightroom unterwegs, bevor Adobe auf dieses unsinnige CC System umschwenkte. Hier erfolgten die ersten Grundanpassungen, wie Zuschnitt und Entfleckung. Für die Konvertierung in S/W verwendete ich aber bereits Silver FX Pro, welches damals im Bundle von Google inbegriffen und von mir für etwas um die 120 Otternasen erworben worden war (einige Zeit danach verschenkte es Google und stampfte es kurz danach ersatzlos ein – danke für nichts). Bis heute meine liebste Software, wenn es um die Konvertierung ins S/W Format geht.

  • Was sagt das Bild für dich aus?

    In meinen Augen gibt es tatsächlich keine sonderlich tiefgründige Aussage des Bildes zu entdecken – und ich würde auch keine unnötigerweise konstruieren wollen. Es ist eine Szene die, für mich, zur Grundsubstanz der Ruinenerkundung über den eigentlich sachlichen Teil hinaus gehört: Die Melancholie, die im Verfall einstiger Schönheit liegt. Es ist exakt diese Melancholie, die mich viele Dinge schreiben lässt, oder in meinen Gedanken anstößt. Die Lust nach dieser Melancholie wird mit diesem Bild für mich gestillt und gesättigt.

I

ch hoffe, ich konnte einen halbwegs informativen Einblick in das “wieso und weshalb” liefern. Wieso ich genau in dieser Situation abgedrückt habe, habe ich aber bewusst nicht beschrieben – weil ich es selber nicht in definierbare Worte fassen kann. Es gibt Szenen, die “erkennt” man einfach auf Anhieb und manchmal sind es auch einfach Szenen, die man daheim dann doch wieder löscht. Zur Ausnahme war ich mir hier aber direkt sicher, ein halbwegs gutes Foto gemacht zu haben. Manchmal ist es die kleine Stimme im Hinterkopf, die sagt “Mach ein Foto, jetzt!” und man sollte einfach auf sie hören.

Ob es antrainierte “Blickweisen” sind, oder irgendein Gespür? In jedem Fall habe ich es, bei dem Ausschuss den ich sonst so produziere, sicherlich nicht “mitgegeben” bekommen, sondern eher antrainiert.

So viel dazu. Falls ihr noch Fragen haben solltet, hinterlasst sie mir doch einfach in einem Kommentar und ich werde versuchen sie zu beantworten.

Weiterer Stoff

Comments (1)

Hallo Sascha, bei zweiten Blick auf ein Foto frage ich mich immer, was stört mich? Aber auch beim dritten und vierten Blick finde ich nichts störendes. Schwarzweiss ist ok, kommt der Stimmung des Fotos entgegen. Keine stürzenden Linien, gut. Die Couch steht schon ziemlich zentral, hm, die beiden sich nach hinten verjüngenden Balken auf dem Boden lenken den Blick auf die Couch. Der Sessel rechts, der nicht ganz auf dem Foto ist, lässt Raum für Fantasie.
Wenn ich dem ersten Foto aus Deiner Reihe eine 1- gebe, dann wäre ich hier bei einer glatten 2.
Viele Grüße Andreas

Leave a comment

X