Die Nadelschmiede – Singerwerk Würselen

Die Nadelschmiede
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Besucht im Jahr 2014

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a gibt es manchmal Orte die vergleichbar sind mit den schönen Frauen, an denen wir täglich vorbei laufen und sie dabei ausgiebig und sehnsuchtsvoll betrachten (timing ist hier wichtig – 2 Sekunden können zwischen heimlichen Schmachten und perversem Starren unterscheiden, somit also zwischen einem Kichern und „Friss Tränengas“ als Reaktion bei der Frau), ohne dass wir es hinkriegen könnten weitere Schritte einzuleiten – mal ist die Furcht vor einer Abfuhr, mal ist der noch Freund zu groß und zu gedopt, mal hat die Frau eine Stimme wie Bruno der LKW Fahrer und dämpft dabei die bestehende Begehrlichkeit massivst ein (da hilft dann auch Alkohol nur wenig).

Während ich bei der Damenwelt dann eher zurückhaltend bleibe (Update: Text ist von 2014, mittlerweile schon etwas länger glücklichst vergeben 😉 ) und mich damit begnüge, mich hin und wieder etwas zu bedauern, zu betrinken und dabei „you are my sunshine“ in der Death Metal Variante zu gröhlen, ist glücklicherweise meine Entscheidungsfreudigkeit bei Locations etwas größer (wahrscheinlich zum Leid mancher Frauen, die mich schmachtend betrachten und heimlich auf eine Reaktion hoffen, nach deren Ausbleiben sie sich dann mit Hugo abfüllen und irgendetwas von Helene Fischer durch die Nacht krächzen – die Welt ist ungerecht, aber amüsant).

Waren unsere ersten Ziele für diesen Ausflug erstaunlich belebt, versperrt, oder gegenüber einer höchstaktiven Polizeiwache gelegen, deren Bedienstete in der Region für ihre Spaßesarmut bekannt waren, bot sich als Verzweiflungstat diese Schönheit an, die wir bereits mehrfach umgarnten, sie sich aber stets zierte (das Luder); lustiger Sicherheitszaun, der um das gesamte Gelände führte und von der Front eine vielbefahrene Straße mit neugierigen Anwohnern. Keuchheitsgürtel samt Knoblauch im Atem – wäre es eine Frau.

Wir trampelten die Pfade entlang, die auf eine kleine Halde führten und machten wenig Hehl daraus, dass wir irgendetwas fotografieren wollten – die Anwohner störte es wenig, was auch vielleicht an dem viel interessanteren Haus neben dem Trampelpfad lag, in dem der lokale Sozialadel gerade eine rege Diskussion über seine sexuellen Tätigkeiten führte – Deutschland, Heimat der Dichter und Denker.
Was der gemeine Pöbel, diese Halde betreffend, vielleicht nur bedingt ahnt und spätestens beim Häuserkauf in direktem Umfeld mit der Gewalt einer 15 Kilo Hantel an den Schädel gedonnert bekommt, mit freundlichsten Grüßen vom Amt für Umweltschutz: Schwermetalle sind noch die geringste Sorge, die man sich bei der Gartenarbeit hier machen sollte. Jahrzehnte einer industriellen Nutzung, die unter der Prämisse „fickt euch alle“ ihre Altlasten entsorgte, haben den Boden an dieser Stelle auf ein Niveau der Giftigkeit gesetzt, dass Gurken aus Tschernobyl, im Vergleich zu den örtlichen, noch eine Bio Plakette kriegen dürften. Kleinere Sünden vergibt der Herr, die großen nur die Politik.

Auf der Halde angekommen, wanderten wir einen bekannten Weg entlang, den wir bereits bei unseren vorherigen Besuchen erkundet hatten und der zum früheren Zeitpunkt nur wenig Erfolg versprach, zudem, aufgrund seiner Steilheit, er auch nur wenig Beachtung von mir fand; 25m steilsten, unbefestigsten Erdreiches lagen vor meinen Augen und nur wenige Äste boten soetwas, was man als „Halt“ hätte empfinden können. Ein kurzer Blick auf meine Sportschuhe, die wie geschaffen waren für Hallensport, unterstrich meine Begeisterung für dieses Vorhaben zusätzlich und steigerte meine Euphorie, die sich in meiner „ich lege mich mal beinahe hin und bewege mich wie bei einem Grand Mal“ Tanzeinlage zuspitzte, welche auf der Hälfte der Strecke stattfand.

Doch war es ein Glückstag, denn irgendwer hatte mühselig ein Loch in den Zaun geknibbelt, was mich bei der Materialstärke und dem verwendeten Metall erstaunte. Rüstete die Dorfjugend wirklich so auf? Waren die ortsansässigen Ratten derartig bissfest? Dass, wenige Augenblicke nach unserem hinein, mehrere Feuerwehrbeamte erschienen, welche diese Lücke stopfen wollten, machte die Sache besonders spannend – saßen wir doch in einem Keller fest und waren bemüht, Unterhosen sauber und Geräusche fernzuhalten.

Ein lohnenswerter Ausflug, durch und durch.

Viel Spaß bei der Betrachtung – als Objektiv kam ein altes 50mm 1.8er Pentacon Auto zum Einsatz.

  • Gegründet im Jahr 1919, von den Herren Karl Schiffer und Heinrich Reiss an der Kaiserstraße 106 in Würselen
  • Zu Beginn 30-40 Mitarbeiter
  • 1922 Übernahme des Betriebs durch die US-Amerikanische Firma Singer, jedoch Beibehaltung des Namens „Schiffer & Reiss“ vor Ort
  • 1934 um die 200 Mitarbeiter 
  • Im Spätjahr 1944, wurden die Produktionsmaschinen vor den anrückenden Alliierten durch ein Rüstungskommando demontiert und nach Wittenberge verbracht
  • Nach Kriegsende Wiederaufnahme der Produktion in Würselen am 11. Oktober 1945
  • Verweis und Quelle für weitere Informationen: Kulturarchiv Würselen (pdf)

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