Die Ausrüstung

Oder was man zum Überleben braucht

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ie sehr man Ausrüstung benötigt merkt man meistens an dem Zeitpunkt, wo man sie nicht dabei hat und dringend braucht. Ob es nun das Klopapier, die Kopfschmerztablette, oder das Handy ist, welches man zum Ruf der 112 braucht (weil man vielleicht in einen 4m tiefen Schacht gestürzt ist und leichte Probleme mit der Neugliederung des Unterschenkels entwickelt): Die richtige Ausrüstung ist wichtig, lebenswichtig.

Dabei gibt es keinen Unterschied zu Urbex, oder allgemeiner Fotografie im Bezug auf die Notwendigkeit einer abgestimmten Kollektion nützlicher Utensilien (ok, man braucht vielleicht nicht unbedingt eine Schutzmaske, wenn man Käfer fotografiert).

Persönlich erstaunt dabei manchmal der Anblick vollgepackter Bundeswehrrucksäcke, welche eine Gesamtmasse von >25 Kg überschreiten und von der Mikrowelle, bishin zur Reiseschreibmaschine alles enthalten. Ja, man kann auch zu viel Zeug mit sich durch die Pampa schleppen – aber das sagt einem schon der Rücken, spätestens ein paar Jahre später. 

Kleidung

Grundsätzlich sollte man davon ausgehen, dass die meisten Menschen wissen sollten was man nicht unbedingt anziehen kann, wenn man sich in unwegsamen, oder eben nicht kultivierten Regionen bewegt.

Da sich über die Jahre mir aber Bilder gezeigt haben (beruflich, wie auch privat), die von abgefrorenen Zehen und Mittelfüßen (Flip-Flops im Hochgebirge), bis hin zu beachtlichen Riss- und Quetschwunden (in Shorts urbexen ist ja sooo cooool) reichten, möchte ich noch einmal ein wenig darauf eingehen.

Besonders möchte ich aber darauf hinweisen, dass Tarnfleck beim Thema Urbex und Fotografie (außer man ist einer dieser Naturfotografen, die über Tage in einer selbstgebauten Hütte aus Kaninchenkot leben und ihren eigenen Urin trinken) grundsätzlich nichts verloren hat, außer man möchte sich international ein wenig blamieren.

Auch wenn es total abwegig klingt, macht hin und wieder etwas auf dem Schädel zu haben Sinn – und dann sprechen wir noch nicht einmal von Helmen. Eine entsprechende Bewehrung gegen die brüllende Sonne, oder sibirische Windzüge, kann vor neurologischen Ausfällen jeglicher Art schützen und eine entspannte Atmosphäre erschaffen, bei der es sich leichter erkunden / fotografieren lässt. Abzusehen ist bitte von WK. 1 und WK. 2 Helmen, neongelben Sicherheitshelmen und allem an Equipment, welches ein bekannter Fototapetenverkäufer und Freizeitbettler empfiehlt.

Eine einfache Pudelmütze (bitte kein Balaclava, das könnte zu seltsamen und sehr traurigen Missverständnissen und Einführung von Schlagstöcken in Öffnungen führen) erfüllt ihren Zweck, genau wie ein schlichtes Basecap.

Unter Tage spielt man jedoch automatisch wieder einen anderen Sport, so dass hier Helme und ein entsprechendes Geleucht (Stirnlampe) gesellschaftlich wieder konform sind und man im Anschluss auch bei den coolen Kindern in der Raucherecke stehen darf. Wer Spaß an „unter Tage“ hat, sollte sich aber sowie so vorher ganz andere Gedanken machen und diese Seite erst gar nicht brauchen. Unter der Erde gibt es ganz andere Regeln zu beachten, derer man sich mehr als gut bewusst sein sollte (wenn einem 500 Kilo Gestein auf den Schädel prasseln, weil man sich dank Sicherheitsschuhen richtig geil findet und auf den gesunden Menschenverstand verzichtet, hat die eigene Sicherheitsausrüstung eher einen gegenteiligen Effekt bewirkt – den besten Schutz für eure Popos, den ihr in jeder Situation haben könnt, findet ihr zwischen euren Ohren).

Persönlich trage ich mittlerweile eine einfache Schlägermütze/Schirmmütze* und das war es (ich vermeide aber auch Gänge in die Unterwelten) – Helme gab es bei mir nur immer im Rettungsdienst und auch dort nur dann, wenn es auf die Autobahn, oder vor ein Haus mit Feuerwehrbegehung ging.

Unauffälligkeit kann euer bester Freund sein, wenn ihr ein Objekt mit Nachbarschaft betreten und entdecken wollt. Natürlich könnt ihr euch auch in voller Nahkampfmontur über den nächstbesten Zaun schwingen und darauf hoffen, dass die Großmutter im gegenüberliegenden Fenster nicht die Polizei und die nächstgelegene Kaserne anruft, aber so deppert seid’s dann doch nicht, oder?

Insgesamt betrachtet, kann ich den Trend zu Tarnfleck und Co. nicht ganz verstehen, sofern man kein Angler, Wohnwagenbewohner, Soldat oder Jäger ist. Mit Tarnung kann es nichts zu tun haben, denn in einer Stadt, gefüllt mit normal gekleideten Menschen, fällt als erstes der Heini im Tarnfleck auf. Leuchtet ein. Vielleicht möchten die Träger etwas kompensieren? Vielleicht sind es sexuelle Fantasien, die was mit Biwak, Schuhcreme und romantischen Lagerfeuern (ersatzweise verschimmelten Ruinen) zu tun haben? Es wird mir ein Rätsel bleiben.

Wir wollen in jedem Fall nicht auffallen und von der Polizei an seltsamen Stellen angefasst werden, wo wir uns nicht einmal selbst waschen dürfen (Gott sieht alles!), weswegen wir mal dezent auf solchen Schmuh verzichten und uns pragmatischerer Kleidung bedienen:

  • Je nach Jahreszeit: Jacke in mittleren, bis niedrigen Preissegment. Ich bevorzuge irgendeine neutral gehaltene M65, die es in jeder Preisspanne zu kaufen gibt. Hat ausreichend Taschen, ist so langweilig und bekannt, dass sie sich nicht einprägt und meistens sind die Ausführungen auch ausreichend robust. Kostenpunkt von 39 Eur bis 140 Eur (wenn man will). Zusätzlich haben die meisten Varianten noch einen Wintereinsatz dabei, der schön mummelig ist. Für mich persönlich ist eine Jacke immer Pflicht, da sie schon einmal gröbste Kratzer von den Armen abhält, den meisten Dreck abfängt und mit etwas Imprägnierspray auch eine Durchnässung verhindert, wenn das Wetter mal nicht mitspielt und man ein paar Schritte zu Fuß vor sich hat.
  • Pullover oder Shirt, je nachdem auch Zwiebelsystem. Man darf nicht vergessen: Man hat zwar beim Einstieg den Adrenalinpegel eines Teenagers vor dem ersten, einvernehmlichen Geschlechtsverkehr, aber sobald das Stativ aufgestellt und die ersten Minuten vergangen sind, entspannt sich auch der Schließmuskel wieder und Kälte kriecht in einem in die Knochen. Bibbernd in einer Location zu hocken ist doof, durchgefroren dann wieder den Rückweg anzutreten, der vielleicht etwas länger werden könnte, noch viel dööfer.

Das wäre es am Oberkörper, „Accessoires“ kommen noch, keine Sorge. Jetzt aber nochmal für alle Menschen zum Mitsingen: Ich werde in einer europäischen Klein-, Mittelgroßen-, Großstadt keinen Tarnfleck tragen!

Auch wenn bei einigen Männern der Freiheitsdrang der Nudel seit der Pubertät ungeahnte Höhen erreicht, ist die Anwendung von kurzen Hosen doch etwas eher für Knaben, Pfadfinder und Männer mit zu dicken, oder zu dünnen Waden. Zwar mag der Luftzug um’s Gemächt für manchen Kollegen eine Wohltat und vielleicht auch die höchste Form der sexuellen Erregung darstellen, die er seit Wochen abbekommen hat, doch haben diese besseren Boxershorts einen, ja vielleicht sogar mehrere Nachteile:

  1. Man assoziert mit solchen Kurzhosen junge Männer unterhalb der Volljährigkeit, die eine Körpergröße von 1,90m bei gefühlten 40 Kilo Körpergewicht haben und inoffizielle Sieger der Tidepod Challenge sind.
  2. Diese bescheuerten Hosen schützen nicht vor Gestrüpp, Nägeln, Holzsplittern, Insekten, Glasscherben und anderen Dingen, die sich in euer Fleisch bohren können
  3. Im Winter friert ihr euch den Hintern ab, im Sommer stellt ihr das Buffet für jedes Insekt dar, welches auch nur im Ansatz daran denken könnte mal irgendwo reinstechen zu können.
  4. Man kann eure Käsestangen sehen.

Entscheidet man sich dazu, als vollwertiges Mitglied einer zivilisierten Gesellschaft durchgehen zu wollen, empfehlen sich automatisch lange Hosen, die vor Insekten und den gröbsten Schweinereien schützen. Was man nimmt, ist einem selbst überlassen, aber selbst eine Hose von Engelbert Strauss ist dabei kein Problem (außer es hat mit Tarnfleck zu tun!).

DER Bereich mit der höchsten Diskussionsrate – FlipFlops? Turnschuhe? S3/s4 Sicherheitsschuhe? Moonboots? Budapester? Man könnte trefflich über das Thema diskutieren, aber auch hier gilt der alte Grundsatz, der evolutionäre Vorteile hat: Hirn einschalten. Eine feste Grundregel gibt es nicht, da das Schuhwerk den Gegebenheiten angepasst werden muss. Laufe ich unterhalb einer mittelgroßen Stadt, in den Entwässerungskanälen eben jener umher, muss ich mir Gedanken über wasserdichte (nicht alles was nach Snickers aussieht und an einem vorbeischwimmt stillt den kleinen Hunger…), durchtrittssichere Stiefel machen, mit denen ich mich nicht auf’s Maul lege, weil der gemauerte Tunnel durch Algen und Abtragung spiegelglatt geworden ist – Laufe ich mit eben jenen Stiefeln (die meistens so schön knallgelb sind) über das Gelände eines Hochofens, der noch vom Sicherheitsdienst auf gröbsten Unfug konrolliert wird, kann ich mir gleich ein Blaulicht auf die Stirn kleben, damit man mich besser findet.

Eben so ist zweifelhaft, ob ich unbedingt Sicherheitsschuhe brauche, wenn ich in ein belgisches Maison wandere. Umgekehrt wird dann aber auch wieder ein *badummtsss* SCHUH draus: Mit Flip Flops in den Scherbenhaufen? Geile Idee.

Ich selber vermurkse, nach kurzen Sicherheitsstiefelexkursionen, seit Jahr und Tag meine etwas älteren Turnschuhe für den „Regelausflug“ – warum dieses enorme Risiko, welches ich meinen Fußsohlen aussetze? Weil ich immer schaue wo ich hintrete, weil ich immer wissen will, was der Boden mir gerade zu sagen („huhu, ich bin richtig weich und gebe gerne nach!“) und weil ich für die erkaufte Sicherheit nicht meinen Sachverstand opfern möchte.

Hals

Auch am Hals, je nach Witterung, kann man durchaus etwas vertragen, was sich im besten Fall mal nirgends verwickeln – und einen somit erdrosseln – kann.

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