RANT!

Früher war alles besser! Grüneres Gras, alle waren glücklich, mehr Geld, dickere Geschäfte, weniger war mehr, alles oder nichts. Urbex war toller, schließlich rannte nicht jeder Depp mit ner Kamera in eine Rumpelhütte und setzte Müll ganz hübsch in Szene. Früher gab es auch nicht den Drang als Prinzessin mit einem Octopus auf dem Kopf abgelichtet zu werden und früher war sowieso mehr Lametta. Was hat sich geändert? Vielleicht nur ich? Vielleicht ist das Internet zu präsent und die Missgunst untereinander ist gewaltiger als früher? Ich komme nicht drauf was mir eigentlich so auf den Sack geht, abseits von allem und jedem der gerade meint das urbex nur ihr oder ihm gehört.

Eigentlich will ich nur Abenteuer erleben, will weg vom Alltag und raus aus dem üblichen einerlei aus Stress, lauter Musik vom Nachbarn, Druck auf der Arbeit, Druck im allgemeinen. Ich komme davon nicht weg wenn es einen Wettbewerb unter Gleichgesinnten gibt. Urbex war mal nicht beliebt, Urbex war mal das was es wirklich war, ästhetische Fotos von Sperrmüll. Ich will das wiederhaben und ich will diesen Wettbewerb nicht mehr, ich will keine Dummen Mädchen in hässlichen Kleidern sehen, die ein halbes haus auf dem Kopf tragen, nur um sich von jemandem mit Geltungsdrang fotografieren zu lassen. Mir geht das auf den Sack! Ich will einfach nur wieder das der Hype stirbt und all die Spinner verschwinden!
Ich hab keinen bock mehr auf Spendenaktionen damit sich so ein Pimpf mit ein paar tausend followern, die man sich mit 20€ im Monat bei Facebook kauft und nem übertriebenen Ego, ein neues Auto kaufen kann. Brennt ihr eigentlich komplett sowas dann noch zu unterstützen? Der geneigte Leser könnte mir jetzt neid vorwerfen, doch das einzige auf das ich neidisch bin ist das feeling von 2010, als alle noch die fresse gehalten haben, man nicht fame geil war, Taschenlampe und Schuhe verkaufte, dringend im fernsehen sein musste, oder der große Hecht bei YouTube. 
Ihr macht alles kaputt, nicht mehr und nicht weniger.

Comments (1)

Hallo Manolo,
d’accord! Mit großem Ausrufezeichen.
Mich zieht es zum Hell und Dunkel, zu Farben im Grau, Texturen, Patina und ungewöhnlichen Perspektiven dieser Orte. Ich suche nach der Schönheit im Hässlichen und dem Etwas im Nichts.
In den letzten drei Tagen habe ich einige Lost Places besucht, ein paar Kleinode entdeckt, aber auch sehr deprimierende Zerstörung. Agnus Dei hat mich nachhaltig beeindruckt – im negativen Sinn. Agnus Dei ist kein Lost Place, es ist eine rottende Nekropole.
Ich würde gern aufschreiben, was mir seitdem im Kopf vorgeht.

Ich kann nicht sagen, was mich mehr stört: Urbex-Photografen, die zwar die Adressen nicht preisgeben, aber sich für ihr Bildmaterial feiern lassen; sogenannte Urbex-Guides, die ihr Wissen verkaufen; die Ortsansässigen, die den Ort verrotten lassen oder die sendungsbewussten Trittbrettfahrer, sprich Schaulustige, „Graffiti-Künstler“ und Vandalen.
Alle sind Teil des Puzzles, jeder trägt zur Beschleunigung des Zerfalls bei.

Urbexen hat aus meiner Sicht seit 2008 eine wichtige Botschaft: während sich in den Städten und Metropolen die Bürger selbst um den totesten Raum zum Wohnen einen halsabschneiderischen Wettbewerb liefern, wachsen in der Peripherie die Nekropolen. Diese fast politische Botschaft wird unter dem Schleier des Romantizismus, des Sehnens nach stillen, verlassen Orten viel zu selten wahrgenommen.
Urbexing ist das Dada des Kapitalismus, das Anti zum ewig währenden Kampf um das größte und glänzendste tote Stück, das vorher jemanden abgenommen wurde. Dummerweise ist Urbexing damit selbst kapitalistisch.
Jeder hat seinen Preis in der Aufmerksamkeitsökonomie. Fehlt das Talent, wird Wissen verkauft. Hat man ein wenig Talent, aber wenig Instinkt oder Moral, werden 08/15-Bilder mit oder ohne Models ohne Sinn und Verstand produziert und verkauft.
Die Verlierer bleiben die Aufrichtigen, zuerst weil sie andere Aufrichtige und ernsthaft Interessierten ausschließen, wenn diese eben nicht zur „Szene der Aufrichtigen“ gehören, und danach weil sie erfahren müssen, dass auch Urbexing ein Geschäft ist. Und die schlimmste Erfahrung ist dann die Wirkungslosigkeit der Geheimhaltung, weil es die Geschäftemacher und die Narzissten gibt und die meisten Lost Places auch immer in der näheren Umgebung bekannt sind.

So bleibt Urbexing ein Rennen gegen den Zerfall und ein Wettbewerb in der Aufmerksamkeitsökonomie.
Urbexing zeigt die dunkle Seite des Lebens, sonst würden Menschen die Orte nicht dem Zerfall überlassen.
Die Lösung kann nur eine kapitalistische sein: entweder werden verlassene Orte binnen Jahresfrist abgerissen (wofür das Eigentumsrecht überdacht werden muss) oder sie werden bis zur Neunutzung hermetisch abgeriegelt und eine Kontaktadresse samt Buchungspreis am Eingang hinterlassen. Das sortiert die Aufrichtigen und die Trittbrettfahrer und hilft dem Ort.

Ich habe zu spät angefangen mit dem Urbexen.
Ich beneide all jene, die Agnus Dei noch fast intakt, ohne dummes Graffiti und Vampirgeschmiere sehen konnten. All jene, die die Schönheit der Raven Church oder der Dark Shadow Church mit eigenen Augen aufnehmen konnten.
Für einige Orte wie die Dark Shadow Church gibt es mittlerweile Hoffnung.
Ob Kirchen in Eigentumswohnungen umgewandelt werden müssen, weiß ich nicht.
Der Wettbewerb um das größte und glänzendste tote Stück geht weiter.

Viele Grüße,

t4r.

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