Detroit

Wir sind über Kanada rüber nach Detroit. Das war der kürzeste Weg nach den imposanten Niagara Fällen. Man fährt über den Detroit River, der munter zwischen Kanada und Amerika fließt und somit das vergleichsweise reiche Windsor von Detroit trennt. Schon auf der Brücke merkt man wie sich alles in Richtung Armut verändert, da täuscht auch die Skyline von Detroit mit dem markanten GM Gebäude nicht drüber weg. Die Straße wird plötzlich rissig, die Brücke extrem rostig und man ist froh wenn man beim freundlichen Herren vom Grenzschutz steht und seine Fragen beantwortet. “ Warum wollen sie in die USA einreisen? Öffnen sie bitte mal die hinteren Fenster, legen sie die Sonnenbrille ab, führen sie Schusswaffen bei sich?“ Bei letzterer Frage musste ich kurz lachen, war aber der einzige der das so witzig fand und ganz schnell nein sagte und kurz zur Verteidigung hinzufügte das ich ja deutscher bin und wir sowas nie gefragt werden. Warum wir nach Detroit kommen wollte er wissen, nur auf durchreise gaben wir wahrheitsgemäß an. Der Grenzer nickte kurz, mehr als durchreise kann sich hier wohl eh keiner vorstellen, stempelt die Pässe und wünschte uns einen angenehmen Aufenthalt. Den wünsche ich mir auch. Das an den Grenzen ist in Amerika extrem ernst und da sollte man sich eigentlich das lachen möglichst verkneifen.

Wir fuhren also weiter auf eine interstate die nur ein Schatten ihrer selbst war und neben rissen auch ganz beeindruckende Schlaglöcher hatte, die Brücken unter denen wir durchfuhren waren auch nicht viel besser, Ingenieure hätten hier sicher viel zu tun, genauso wie Bauarbeiter, aber wo keine Geld ist, da kann auch niemand etwas bauen.

Die Autos um uns herum spiegeln schon vorab wieder was wir dann bald mit eigenen Augen sehen.
Ein krasser Kontrast zwischen extremer Armut, einer nicht nennenswerten Mittelschicht und natürlich den etwas reicheren Menschen.
Also kleine vom Rost zerfressene Honda, Pontiac und Toyota düsen mit Schäden an einem vorbei wo jeder TÜV Prüfer tot umfallen würde.
Dazwischen die gepflegteren japanischen Mittelklasse Karossen alla Camry und accord.

Und natürlich haufenweise Pickups und SUV die teilweise höher gelegt waren, was diese mit Kennzeichen alla „up high“ oder „lifted“ unterstrichen.

Abfahrt Richtung Zentrum, man wird von Müll begrüßt der am Straßenrand liegt, Obdachlose , Drogensüchtige und Veteranen der stolzen army betteln mit Pappschildern an der Ampel frei von jeglicher würde. Erstere sind von sehr alt bis sehr jung vertreten, den Veteranen steht die Scham im Gesicht.  Aus Sicherheitsgründen habe ich auf Fotos verzichtet. Man möchte nicht an einer Ampel erschossen werden, denn theoretisch kann dort jeder eine knarre haben. Die frage vom Grenzer hallt in den Ohren nach. „Führen sie Schusswaffen bei sich?“ Ich wünschte mir gerade ich würde.Was ich dringend sehen musste und mit meiner Frau vereinbart war, war die Michigan Station und das Michigan Theater. Famose Gebäude und Repräsentanten der Vergänglichkeit einer Stadt, die sich zu sehr auf einen Industriezweig verlassen hat.
Läuft und läuft und läuft, das haben sich dort alle gewünscht, jetzt sieht man das es nicht geklappt hat. Überall sieht man verlassene Giganten aus besseren Tagen. Wolkenkratzer, Fabriken, Wohnblöcke, Geschäfte, Sportanlagen. Alle verrotten.
Man kennt das vielleicht als Videospieler von Sim City. Wenn dort die Viertel pleite gehen weil irgendwas nicht rund läuft, dann hauen alle ab und die Gebäude werden schwarz und braun und verfallen. So ist es auch in sehr vielen Stellen in Detroit.Die Michigan Station haben wir auf Anhieb gefunden, obwohl unser erstes Ziel Downtown Detroit und das Theater sein sollte. Sie überragt einfach alles um sie herum und es war wirklich atemberaubend schön auf sie zu zufahren.
So viele Etagen hoch und in einem Stil gebaut den ich persönlich heute gerne öfter sehen würde. Da steht sie und Trotz einfach allem. Sie ist ein Fetter erhobener Mittelfinger der sagt “ Mich bekommt nichts und niemand klein!“ An diesem Punkt fühle ich mich wie der 4 jährige der zur Weihnachtszeit vor dem Schaufenster eines Spielzeugladen steht und dringend da rein muss um alles zu sehen. Leider war schon Ladenschluss und ein zwei Meter hoher Zaun mit reichlich Nato Draht und dem Hinweis „No trespassing!“ hielt mich davon ab. Zu meiner großen Freude hat die Michigan Station inzwischen Fenster, das macht den Mittelfinger direkt doppelt so groß.

Es gibt Menschen die sich ihrer angenommen haben, die verstehen wie wichtig dieser Bahnhof ist und sein Erhalt. Ein Van von einer Handwerker Firma stand vor dem Bahnhof und die Arbeiten im Inneren scheinen vorran zu gehen.
Im direkten Umkreis tut sich auch etwas. Kleine Lokale haben eröffnet, wir aßen den mit Abstand besten Burger in diesem Bundesstaat direkt 500 Meter vom Bahnhof entfernt.

Wir verweilten nur kurz an der Michigan Station, da in ihrem direkt Umkreis etwas unangenehme gestalten hausten und uns anfingen zu beobachten.
Wir aßen besagten Burger bei slows und fuhren weiter ins Zentrum. Next Stop: Michigan Theater!
Der Verfall von Detroit ist eine logische Konsequenz aus dem wegziehen der Menschen. 1950 hatte Detroit 1.849.568 Millionen Einwohner, 1990 waren die Einwohner bereits auf 1.027.974 gesunken und hat stand 2016 677.116 Einwohner. Wenn diese enorme Anzahl Menschen geht, so hinterlassen diese Gebäude, Geschäfte und leere zurück. Was kommt sind Kriminalität, Verzweiflung und Chaos. Die Stadt hat keine Einnahmen, folglich kann sie die Straßen nicht pflegen, Ampeln hängen an Kabeln und wirken bedrohlich wenn man unter ihnen durchfährt, es gibt wenig Polizei und wenn man sie sieht, fährt sie in verbeulten wagen, man muss es sehen um es zu begreifen. Eine Stadt die bankrott ist, der merkt man dies an vielen stellen an. Einige Stellen verlangen nahezu Schritttempo und im Zickzack Manöver um keinen schaden am Fahrwerk und Reifen zu riskieren. Trotz allem habe ich Spaß. Es ist die Art Abenteuer die ich liebe. Ich fühle mich lebendig, ich gluckse vor Glück und grinse im Kreis. Meine Frau sieht das anders, gönnt mir aber von Herzen dieses Abenteuer, denn sie Weiss wie sehr ich mich darauf gefreut habe. Im Zentrum sehe ich die Monorail von Detroit und es hat was von Blain the mono aus Stephen Kings dunklem Turm. Er fährt einsam seine kreise und niemand will mehr mit ihm Fahren. Wer denn auch?!

 

Nach langer suche finden wir das Theater, welches 1976 geschlossen wurde. Einst wurden hier ab 10:30 Shows gestartet und von diesen dann bis zu fünf pro Tag, mit dem wachsenden Erfolg des Films, begann die Umwandlung in ein Kino, welches wiederum durch das populär werdende TV gerät dann den Bach runter ging um wieder ein Theater zu werden. Das leben ist ein Kreislauf, auch für Theater wie das Michigan Theater. 
Der Zugang ist über das angeschlossene Gebäude möglich. Eine goldene Tafel am Eingang erinnert an die Tatsache das Henry Ford an dieser Stelle seine Garage stehen hatte und dort sein erstes Auto baute, das Modell T. Im Inneren des eingangs erkennt man wieder den Glanz alter tage auf dem reichlich Patina liegt.
Ein mürrischer Mann erklärt uns das es kein Problem ist in das Theater zu gehen und dies zudem kostenlos, jedoch müssen wir zuvor eine Verzichtserklärung unterschreiben damit wir niemanden verklagen können, für den fall das sich etwas löst und uns erschlägt.
Kein Problem!
Mit geleisteten Unterschriften steigen wir drei Etagen hinauf und sind froh das Treppenhaus zu überleben. Alles knarzt und ist gefühlt seit dem Ford gegründet hat, nicht mehr gepflegt worden.
Und dann steht man da und bekommt den Mund nicht zu.
Was für ein Gigant!
Die können oder konnten da wohl nur in Superlativen.
Wunderschöne Stuckdecken mit Engeln, Torbögen, Spiegel. All das kann man erahnen auch wenn wenig geblieben ist.
An der wand ein Basketballkorb und Warnhinweise zu abfallenden teilen. 1977 begann der Umbau des Theaters.
Alle Sitzreihen wurden entfernt und Zwischenböden eingebaut die als Parkfläche dienen. Theater raus, Parkhaus rein. Sowas geht vermutlich nur in Amerika.
Der Ford Crown Victoria ist ein sehr großes Auto vom Kaliber S Klasse. Er wirkt klein und verloren in diesem denkwürdigen Ort.

Ich kann nicht überall hin wo ich möchte, bekomme aber einen Eindruck vom alten Glanz, verstehe wo die Kronleuchter hingen, wo die vielen wohlhabenden Bosse saßen und wo die Fließbandarbeiter, begreife den Verlust mehr als an jedem anderen Ort der Stadt.

Bereits hier und mit dem Verlust dieser Kulturikone hätte schon ein Umdenken beginnen müssen.Es kam wie es kam und jetzt sind da Menschen die alles geben um wieder zum alten Glanz zurück zu finden. Ich wünsche es ihnen. Ich würde selbst mit anpacken, so sehr spürt man den Umbruch und ich weiß eines gewiss, ich komme wieder nach Detroit und das nächste mal, das nächste mal da bleibe ich länger!

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