Käferwald

Käferwald
RR

Besucht im Jahr 2017

M

an stelle sich vor: Durch eine Erbschaft, oder ein anderes (mehr oder minder erfreuliches) Ereignis, erlangt man die Besitzrechte an einer Sache, die in gewisser Weise einen Wert mit sich bringt, oder ihn – in absehbarer Art und Weise – später besitzen wird. Als Beispiel seien einmal alte Leicas genannt, die durchaus ein Sümmchen wert sein können. Ersatzweise könnte man auch solch kuriose Marktverfälschungen nennen, wie sie, z.B., die gehypten Trioplane darstellen, die einzig durch geschickte Marktmanipulation in den heutigen Preissphären angekommen sind – nicht durch hervorstechende Leistung, oder einer speziellen „Seltenheit“. Sie machen einfach nur besonders lustige Kringelchen im Bokeh, mehr nicht.

Doch egal was es auch immer sein mag – Sie haben etwas per Zufall in Händen, was sie zwar nicht begeistert, oder emotional bindet, aber Ihnen durch einen Verkauf ein gewisses Sümmchen in die Hose zauber kann, wenn sie nicht gerade bewusstlos werden bei der Geldübergabe, oder sich anderweitig talentlos benehmen.
Was würden Sie tun? Diese Sache zu Geld umwandeln? Diese Sache noch etwas reifen lassen, um es später zu noch mehr Geld umwandeln zu können? Es in einen Wald stellen und, ohne jegliche Schutz, der Witterung und den Jahreszeiten aussetzen so dass, von Jahr zu Jahr, immer weiter der Wert schrumpft, den Sie erhalten könnten?

Welcome to Belgium
Natürlich entscheiden Sie sich, da Sie ein braver Bürger des belgischen Königreiches sind, für die Variante mit dem Verfall und der unerklärlichen Lust daran, die teils karge Landschaft mit Ruinen zu überschütten.
So parken Sie also eine erschreckende Menge an alten Käfern, Bullis und anderweitigen Teileträgern (welche anscheinend ein bewegtes Leben geführt haben) in einen Wald und pflanzen drumherum Schilder – jene Schilder, die eine gewisse Halbherzigkeit ausdrücken. Wahrscheinlich haben Sie noch etwas Öl in diesen bewaldeten Garten Eden gekippt, damit auch die Maulwürfe und Regenwürmer etwas davon haben (in diesem Falle höchstens eine Schadstoffvergiftung, aber man muss auch „jönne könne“) und schauen nur hin und wieder mal nach, ob nicht irgendein dummer Fotograf mal wieder festhält, was sie da so horten – nur, um ihn dann mit einer Keule zu attackieren (so angeblich bei anderen Besuchern bereits geschehen).

Fertig ist der Lost Place, den wir an diesem Tag besuchen durften.

Wir hatten Glück, als wir bei -12 Grad durch den kniehohen Schnee tapsten, unsere Füße dabei immer weiter etwas in die Schuhe eingedrungenen Schnee schmelzen ließen und sich angenehm frisches Wasser in den Sohlen anhäufte, welches für eine beständige Kühlung sorgte. Meine perfekt zur Witterung angepassten Sportschuhe, waren dementsprechend nach den ersten Metern eher mit einem überfüllten Rückhaltebecken zu vergleichen – und meine Zehen mit den Lebensmitteln aus dem Film „ÜBERLEBEN!„.

Bei der ca. einstündigen Expedition, während wir uns durch den Schnee kämpften und alles abfroren, was nicht irgendwie einziehbar war („sooo klein isser! Soooo…“), kamen wir in gewisser Weise nicht aus dem Staunen heraus, bei der Fülle an Modellen und dem teilweise noch brauchbaren Zustand der einzelnen Fahrzeuge. Gut, es war gewiss nichts dabei, was man hätte direkt starten und befahren können – aber für einen Schrauber mit Muße und Geduld… da wurden in Deutschland schon schlechtere Fahrzeuge zu höchsten Preisen verkauft. Zwischenfälle gab es keine, wirklich keine. Weder konnten wir von den befürchteten Wildkameras welche entdecken, noch wollte man uns niederschlagen – einzig die Hunde, die in der Ferne von einem der Gehöfte aus heulten und bellten, sorgten für eine gewisse Unruhe unter uns. Es gibt Dinge, mit denen sollte und muss man sich nicht auseinandersetzen, so dass wir auch nach einer ausreichenden Zeit den Punkt zum Abmarsch, auf nach Charleroi, erkannten und nutzten…

Insgesamt betrachtet, war es ein herrlicher Tag, der mir den Ausdruck „Gefrierbrand“ wieder einmal in die Erinnerung zurückrief und nicht mein Schuhwerk verfluchen ließ.

Doch die Bilder… entschädigen die Bilder für alles? Für den verbrauchten Sprit? Für die zerrissenen Hosen, Schmerzen und die Schlepperei? Für die Stunden am Rechner, um sie zu bearbeiten und in so formatfüllenden Texte zu pressen (die eh keine Sau liest)?
Für denjenigen, der diese Bilder aufgenommen – dieses „kleine Abenteuer“ erlebt hat: Auf jeden Fall.

Es ist jedes Mal für mich eine Bereicherung, auch wenn desöfteren schon eine Pause zwischen den Ausflügen notwendig ist. Es entschädigt mich immer wieder, wenn ich die Bilder als Stützen meiner Erinnerung nutze, um solche Momente noch einmal für mich erleben zu können. Doch bringen diese Bilder,  Texte und Mühen den Betrachtern etwas? Den Leuten, denen wir etwas präsentieren wollen, hier, auf unserer Seite?

Manchmal glaube ich nicht daran, denn Deutschland scheint kein Ort für die Wertschätzung der Mühen anderer Menschen mehr zu sein. Gute Künstler, Schreiber, Musiker sehe ich jeden Tag in Vergessenheit geraten, wogegen sie so mühsam anzukämpfen versuchen – während der Müll zu uns über alle Kanäle gepresst wird. Wieso sollte es uns dann anders ergehen, wo wir nicht einmal so besonders sind?

Vielleicht werden die Inhalte dieser Seite einmal wie die Käfer im Wald – verfallen, alt, in Vergessenheit geraten.

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