Menschenkette Tihange vom 25.06.2017

Oder: Radioaktivität macht schlank

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In meiner Geburtsstadt, Eschweiler Rhld., gab es über Jahre (und wird es wahrscheinlich immer noch geben, zumindest immer noch als Erinnerung) zwei Graffitis, die so simpel waren, aber auch zugleich so einbrennend, dass eigentlich ein jeder „Eschweiler“ sie kennen sollte:

  1. Silvia, wo liegt (W)iese Spanien? (sic)
  2. Radioaktivität macht schlank!
Wenn man dann noch aus Weisweiler / Hücheln kam, kannte man auch ein anderes „Original“: „Feiner Mensch, langes Leben, alles für Gran Canaria“. Herrlich.

 

Als Kind, geboren 1985, konnte ich damit damals, als mir diese Sprüche zum ersten Mal bewusst in den Sinn und vor Augen kamen, nie so wirklich viel anfangen. Der erste war ohne Sinn für mich, ja eher verwirrend und der zweite… ja, wusste man als Kind wirklich, was Radioaktivität war? Dunkel kann ich mich noch an Berichte über die DDR erinnern, ganz dunkel genauer gesagt und fast schon eher gleichen die Fragmente einem Traum, als denn einer klaren Erinnerung. Den Mauerfall präsentiert mir dementsprechend mein Hirn in gleichmäßiger Unschärfe, aber Bilder davon habe ich noch in meinem Archiv – tief in meinen Gedanken. Besser jedoch kann ich mich daran erinnern, wie es war als der Himmel täglich voller Flieger war, welche seltsame Scheiben auf dem Rücken trugen. Als Düsenjäger keine Besonderheit waren, wenn sie über die Dörfer zogen und einen Heidenlärm machten. Tschernobyl? Keine einzige Erinnerung aus dieser Zeit, nichts.

Es waren andere Zeiten – und mehrmals in der Woche, zum Einkauf, fuhren mich meine Eltern an diesem einen Spruch vorbei, den ich immer wieder auf’s Neue für mich entdeckte. Dort, gesprüht an einen Brückenpfeiler, mit Bierdosen als Gebetskerzen dekoriert – und all dem anderen Müll, welcher sich unter Brücken ansammelt.

Faberface

Sascha Faber
Alter: 32 (Stand 2017)
Hobbyfotograf und Teilzeitkünstler

Ich weiß nicht mehr, ob ich meine Eltern jemals mit Fragen darüber gelöchert habe, was denn Radioaktivität ist, oder ob sie wirklich so schön schlank macht, wie es der Spruch prophezeit. Mit Gewissheit werde ich es getan haben, da ich meine Eltern zu dem Zeitpunkt, wie ein jedes Kind, mit Fragen zur Welt überschüttet haben dürfte.

Was ich jedoch weiß: Dieser Spruch schießt mir immer wieder in Sinn, wenn ich mich mit Radioaktivität befasse. Wenn ich etwas über Fukushima lese, wenn ich mich mit Alphastrahlern beschäftige und wenn ich in Tihange stehe und mir ein Gefühl wohlwollender Übelkeit durch die Gedärme jagt, während ich die Kühltürme dieses betonierten Haufens Scheisse ansehe.


Während eine konditionierte Angst in mich hinein kriecht, mir die Beine zu Pudding werden lässt und ich, getarnt als Scherz, versuche einen metallischen Geschmack auf der Zunge zu entdecken. Wir, das heißt also Jörg Bergs und ich, stehen dort und scherzeln. Wir machen Witze über ausfallendes Haar, die sprechenden Fische in der Maas und das sanfte Glühen Lüttichs in der Nacht, zumeist in der vollen Varianz von Grüntönen (dabei „leuchtet“ Radioaktivität dann doch eher im blauen Spektrum).

Wir halten unsere Späße, während wir über eine teilgesperrte Schnellstraße zur Demo gehen und dabei unsere Blicke das Kraftwerk abtasten, welches sich für so viele Menschen heute, hier vor Ort, verantwortlich zeichnet. Welches diese unbestimmte Angst generiert, die es schafft Menschen zu bewegen.

Für einen Verhaltenspsychologen wäre klar, dass diese Scherze eine Bewältigung von Angst sind, doch wir verdrängen diese Tatsache bei vollem Bewusstsein. Wir tun so, als hätten wir Spaß, aber uns geht die Muffe – auch wenn es keiner ausspricht.

Es ist dieses abartige Gefühl, welches sich aus Bildern und Geschichten der nuklearen Katastrophen zusammensetzt. Offener Reaktor in Tschernobyl, die Liquidatoren, die „Fukushima 50“ (welche in der Realität wesentlich mehr waren und heute wie Dreck in der japanischen Gesellschaft behandelt werden). Es sind Geschichten über Fehlgeburten, Krebs und abgestorbene Bäume, die bis heute nicht verrotten wollen, weil die benötigten Bakterien dieser Strahlung nicht gewachsen sind. Alles nur aufgebauschte Märchen?

Ist dieser Reaktor hier, trotz seiner Pannen, doch sicher und betriebsbereit?

Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf und wortlos, genau wie Jörg, beginne ich meine Kamera dafür zu nutzen, wofür sie konstruiert wurde: Zeit einzufrieren, einen Moment einzufangen. Am Kopf der Demo, an einem kleinen Kreisverkehr der von friedlichen Polizisten vom Rand der Straße aus begutachtet wird, beginnen wir die Augenblicke zu konservieren. Jörg auf zeitlosem Film, ich, nach zwei analogen Aufnahmen, in digitaler Form. Eine kleine Brücke zwischen den Jahrzehnten, könnte man spötteln.

Es gibt gut hier zu tun – für beide von uns und auch für die unüberschaubare Menge an anderen Fotografen, die sich hier eingefunden haben und das Schauspiel begleiten: Eine Schlange von mehr als 50.000 Menschen findet hier ihren Anfang – oder ihr Ende, was eine Frage der Betrachtung und Philosophie ist.

Über Aachen, Maastricht und Lüttich, bis nur wenige Meter vor dem Kraftwerk, findet es statt; dieses kleine Wunder in dieser so seltsamen Zeit – einer Zeit, in der keiner mehr auf die Straße gehen will und jeder nur noch für sich kämpft. Einer Zeit, in welcher, allmählich und leise, die Unvernunft erneut regieren darf und überall ihre Fürsprecher findet. Die Angst verfliegt, die sich beim Anblick des Kraftwerks eingestellt hatte und es taucht etwas in mir auf, was sich von Bild zu Bild verstärkt: Stolz.

Tatsächlich empfinde ich Stolz, während in meinem Rücken eine tickende Bombe die Szenerie beherrscht. Ich bin stolz auf diese Menschen, die sich hier heute versammelt haben, auf die Organisatoren dieser Aktion, auf die vielen, vielen Helfer hinter den Kulissen und vor Ort. Auch bin ich stolz darauf, dass hier aus allen Bereichen der Gesellschaft jemand steht, aus vielen verschiedenen Ländern, aus den unterschiedlichsten Schichten. Sicherlich: Es ist die Angst, die sie hier vereint, aber sie sind zumindest vereint. Keiner möchte hier jemanden an den Kragen, keiner echauffiert sich über die Herkunft des anderen – das gemeinsame Interesse steht vor den kleinlichen Gedanken, die sonst den Alltag vergiften.

Hier geht es um keine Subvention, oder einen wie auch immer gearteten *exit.

Doch da war noch die Frage: Ist es denn alles berechtigt und vertretbar? Ist das Kraftwerk denn nicht vielleicht doch sicher, ja, für den belgischen Staat von höchster, nationaler Bedeutung?

Im Juli 2012 wurde bekannt, dass das Abklingbecken von Tihange-1 pro Tag etwa 2 Liter radioaktiven Wassers verliert. Das Problem besteht seit 2005; es konnte (Stand Juli 2012) nicht beseitigt werden.[21]

Hm, also doch nicht so sicher? Die zwei Literchen, die irgendwo versickern… So viel kann das niemals sein – und auch nicht so gefährlich. Oder? Wenn der Rest im Kraftwerk doch stimmt? Immerhin ist Atomkraft doch sicher…

Die Atomaufsicht hat 2012 angeordnet, dass das Notkühlwasser (über 1 Million Liter) auf über 40 °C vorgeheizt werden muss. Anlass ist der schon rissige Reaktordruckbehälter, der durch zu kaltes Kühlwasser einen thermischen Schock erleiden könnte. Die maximale Vorlauftemperatur beträgt 50 °C. Ab dieser Temperatur wird der Reaktor nicht mehr ausreichend gekühlt.[27]

Noch mehr? https://de.wikipedia.org/wiki/Kernkraftwerk_Tihange

Also doch alles berechtigt? Kurz und knapp: JA!
Persönlich rechne ich dann immer noch den Faktor „Gier“ mit hinzu, menschliche Selbstüberschätzung und die ubiquitäre Blödheit des Menschen. Es kann vielleicht einmal eine absolut fehlerfreie Technik geben, die uns allen ein Zeitalter des Glücks bescheren könnte, doch wird dann mit der Gewissheit der Steuern und des Todes jemanden geben, der sie derart kaputtsparen wird, dass sie uns um die Ohren fliegt.

So lange es eine Möglichkeit gibt, aus einer Sache Geld herauszuquetschen, wird man es tun. Ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen. Man verklappt Abfälle ins Meer, man fälscht Berichte um Reparaturen zu vermeiden, man fährt volles Risiko, bei Trümmerreaktoren, weil die so schön viel Geld bringen.

Ich mache mein letztes Foto, kurz bevor die Kette sich vollständig auflöst. Es ist drückend, wie man so schön sagt – eine Mischung auf Feuchtigkeit und Wärme, die mich in meiner Jacke kochen lässt. Radioaktivität macht schlank – da ist er wieder, dieser Satz. Sie macht auch passiv schlank, wenn man gegen sie demonstriert, oder die Demo fotografiert und sich den Hintern abrennt. Sie macht auch schlank, weil die Angst vor ihr einen den Magen umdreht.

Unzählige Menschen schreiten an mir vorbei, als ich kurz innehalte und nach Jörg in dieser Masse von Menschen suche.

Vielleicht denkt nicht jeder so, aber ich für meinen Teil war ich hin und her gerissen in Gedanken über „die Menschheit“. Über ihre Chancen zu überdauern und sich selbst nicht zu vergiften, über ihre Dummheit und ihre Weitsicht. Über die unzählbaren Gesichter, welche diese zweibeinige Spezies zu bieten hat. Von Menschen, die an Chemtrails glauben, über Ausbeuter und Bänker. Über Familienväter und Massenmörder.

Doch am Ende hocken sie alle auf der selben Kugel, ohne Chance auf eine Flucht, über 7 Mrd. dieser Nacktaffen – denn für eine Flucht… dafür wird zu viel an der falschen Ecke gespart und zu viel in Rüstung investiert (19,653 Mrd. Dollar für die NASA – 593 Mrd. für das Militär…) und man könnte, bei zu vielen Gedanken an diesen Zustand, einen Weltschmerz empfinden und depressiv werden.

Jörg und ich finden uns im Gewusel, aus dem wir nun schnellstmöglich versuchen zu entfliehen – wieder in hinein in den Alltag, der keine großen gedanklichen Tiefen im größeren Umfang zulässt, zwischen Schicht, Steuer und Einkauf. Gefangen in der Tretmühle. Wir schlender die Schnellstraße wieder hinauf, während wir einen letzten Blick für diesen Tag auf das Kraftwerk werfen.

„Sollen wir noch irgendwo eine Fritte essen?“ – „Klingt gut“.

Wir fahren – vielleicht kommen wir wieder.

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