Die Seele der Fotografie…

...oder: Warum ich eine perfekte Ausrüstung verkauft habe.

Vor einigen Tagen habe ich mit einem guten Bekannten geschrieben, den ich leider viel zu selten sehe und mit dem ich immer grandiose Ausflüge nach Belgien erleben durfte, die uns durch die Straßen Lüttichs führten. Es ist auch derjenige Bekannte, der mir vor langer Zeit wieder die Liebe zur analogen Fotografie eingetrichtert hat, welche bis dahin bei mir mehr als nur im Tiefschlaf war.

Wir planen seit langer Zeit ein gemeinsames Buch, oder zumindest einen gemeinsamen, kleineren Bildband über Lüttich – sozusagen als Hommage an Stephan Vanfleteren und sein grandioses Werk „Belgicum„.

Leider kommen wir nicht dazu.

Man kommt zu vielen Dingen irgendwann nicht mehr, wenn man einen gewissen Punkt im Leben erreicht hat. Alles wird irgendwann etwas zäher, geht nicht mehr so leicht und Flexibilität wird ein Fremdwort. Neben Arbeit, Familie und Passion bleibt kaum mehr Platz für Experimente und Abenteuer – und jedes Wochenende verkommt zu einem heiligen Gral, wo die Akkus aufgeladen werden, welche (in meinem Fall) die Schichtarbeit unter der Woche leersaugt.

Der Klotz am Bein
Faberface

Sascha Faber
Alter: 32 (Stand 2017)
Hobbyfotograf und Teilzeitkünstler

Lange Zeit habe ich daher versucht, meinen „Dead End“ Job in irgendeiner anderen Form zu kompensieren, mich selbst zu belohnen.

Meine Passion, die Fotografie, habe ich immer kostspieliger werden lassen; Vollformat von Canon, L Linsen, sündhaft teure, anderweitige Objektive, Strobistengeblitze mit Funk und 6 externen Systemblitzen etc. etc. etc.
Automatikbalgen von Novoflex für das Canonsystem? Jepp.

Ich hatte alles, für jeden Anspruch, für jede Situation. Eine Zeit lang hatte ich auch sogar meine Freude, habe entdeckt und erkundet, Bilder von Blüten, Landschaften und Menschen gemacht. Architektur, Street, Urbex und alles andere, was irgendwie denkbar war. Einmal war ich sogar knapp davor, ein Model zu buchen und zu fotografieren. Boudoir war „in“.

Persönlich war ich dagegen eher „out“ – obwohl meine Arbeiten (und das waren sie) gut ankamen, gefielen und ich Anfragen bekam.

Doch befand ich mich in einer Situation, wo aus einer Leidenschaft eine leblose Beschäftigung zu werden drohte. Wo aus meinem Ausgleich nur eine weitere Bürde begann zu entstehen. Die Momente wurden seltener, in denen ich mir meine Kamera schnappte und loszog. Knappe 2 Kg, jedes Mal die Bilder importieren und in RAW entwickeln.

Irgendetwas stimmte nicht...
Verfallene Werkstatt - Schrank

Irgendwann, 2014, schleppte ich dann einen Lowepro AW 500 mit mir herum, vollgestopft bis oben hin mit allen Objektiven, von denen ich dachte sie brauchen zu müssen. Es waren fast 18 Kg auf meinem Rücken, plus Stativ und meiner Wenigkeit, welche meine Beine mit sich herumschleppen mussten.

Den Tag werde ich nie vergessen: August, 30 Grad und Manolo und ich schleppten uns in Belgien durch ein Stahlwerk, kraxelten Hügel herunter und ich verfluchte jedes Gramm, welches zu viel war. Es war der Moment, wo ich die ersten, größten Zweifel an dem entdeckte, was ich da gekauft hatte.

Es waren keine Zweifel an der Bildqualität, welche über alle Maßen erhaben war, noch an der Benutzbarkeit der Sachen (eine Canon kann ich im Schlaf bedienen). Es war der Zweifel daran, ob ich tatsächlich das alles brauche und brauchen möchte. Musste ich wirklich einen überdimensionierten Rucksack mit mir führen, der mich aussehen ließ wie ein zu fetter Käfer ohne Fühler? Wollte ich wirklich auf Dauer in eine professionelle Schiene der Fotografie gehen, Geld damit verdienen und mich am Ende des Tages fragen, ob ich nicht lieber wieder Rettung fahren möchte?

Manolo hingegen, bewaffnet nur mit einer kleinen spiegellosen Kamera von Olympus und einem Standardobjektiv, zog voller Begeisterung umher…

Zwischen Kohlenstaub, rostigen Stahlplatten und Stacheldraht – da tobte er umher, ohne Stativ und Rucksack und machte seine Bilder, völlig frei, während ich mich abmühte und meinem Rücken mehr zumutete, als er eigentlich vertragen konnte.

Zeit, etwas zu ändern...

Nach diesem Tag kamen die ersten Gedanken auf, mich vom bisherigen Weg abzuwenden. „Ändere, was dich stört“ – klingt einfach, aber die Umsetzung brauchte Zeit. In erster Instanz mottete ich den Rucksack von Lowepro ein, den ich seit diesen Tagen nur noch für größere Sachen hervorkrame, bei denen ich ein Helferlein an meiner Seite weiß. Eine kleine, unscheinbare Fototasche wurde mein stetiger Begleiter und erfüllt dankbar seit zwei Jahren nun ihren Dienst. Braucht es mehr? Mit Gewissheit nicht – man ist weder die Tasche, die um den Hals hängt, noch die benutzte Kameramarke.

Denn auch wenn es viele „Profis“ bewerben: Man braucht keine Ledertasche für 400 Eur aufwärts, um eine Kamera sicher von a nach b bringen zu können – in manchen Gegenden der Welt sollte man auch keine solche Ledertasche bei sich haben, da diese, noch mehr als der rote Leica Punkt, Menschen mit geringem Einkommen und noch geringerem Respekt vor dem Eigentum anderer auf den Plan ruft und man diese automatisch, wie ein krankes Tier die Hyänen, anlockt.

Je versiffter, je abgeranzter man erscheint, desto unbehelligter ist man. Wer in Charleroi umherläuft, als hätte er frisch im Lotto gewonnen, der bettelt gerade zu nach einer blutigen Fresse.

Doch es ging weiter und ich beschränkte mich immer mehr – anstatt eine Herde von 5-7 Objektiven, kam nur noch ein 24-70mm und ein 135mm Objektiv mit. Mehr als genug, für alle Fälle. Doch es war immer noch zu schwer, zu umständlich, zu wenig befriedigend. Der Hals wurde immer noch schwer, nach nur wenigen Minuten und die Lust daran, dieses Geraffel auszupacken, war immer noch gering.

Zeit für Fuji

Die spiegelklatschende Vollformat musste weg. Diese Kamera, die ich mir mühsam erkämpft hatte und einen Quantensprung in Qualität und ISO Leistung brachte. Weg. Doch wogegen sollte ich sie austauschen? Sony? Olympus? Fuji? Ich blätterte Seiten durch, betatschte Kameras… Sony war mir zu… zu sprunghaft. Unzählige Bajonettvarianten, keine klare Benennung, grauenhafte Berichte über den Service… und der Gewichtsvorteil verschwand, sobald ein Objektiv an den Body geschraubt werden sollte. Olympus, bzw. allgemein M4/3? Sensor dann doch zu klein, Preise zu hoch und irgendwie passte es nicht zu mir, auch wenn die Kameras sexy wirken. Was bliebt übrig? Fuji.

Bereits 2012 lüsterte ich mit Fuji und der schicken X-Pro 1, doch war ich einmal auf dem Canon Zug aufgesprungen und so frisch wollte ich nicht wechseln. Doch hatte Fuji jetzt ein heißes Eisen aufgelegt, welches meinen Umstieg erleichterte: Die X-T2 kam pünktlich in dem Moment heraus, an welchem die Canon nur noch im Schrank lag und ich mich heimlich damit abgefunden habe, mit einer analogen Agfa Kompaktkamera auf Tour zu gehen, die so unkompliziert und vorallem leicht war, wie ich es mir immer erhofft hatte.

Lange Rede, kurzer Sinn: Glühwein geschwängert kaufte ich die X-T2 und bereute es keine Sekunde. Ja, der Autofokus ist etwas langsamer, ja, die ISO Leistung ist, trotz der Propaganda, nicht ganz auf dem Niveau einer Vollformat. Dinge, die ich bereits wusste. Doch: Sie ist leichter, sie liefert direkt, aus der Kamera, Bilder die man verwenden kann und ich kann diese ohne Probleme direkt auf das Smartphone ziehen, verbreiten, oder einfach nur noch ein klein wenig anpassen. Ich war angekommen.

Was hat das alles mit der Seele der Fotografie zu tun, fragt man sich nun vielleicht? Ist das nicht schon wieder ein „ich kauf Scheisse“ Blogpost? Kurz betrachtet ja, doch der Sinn hinter dem Umstieg ist ein anderer: Freiheit. Es ist die Freiheit, welche ich brauchte, um wieder jeden Tag meine Kamera einpacken zu können. 90% der Funktionen, welche die Kamera bietet, brauche ich nicht und werde sie wohl auch niemals brauchen, aber sie gibt mir eine wesentliche Eigenschaft, die ich schmerzlich vermisst habe: Leichtigkeit.

Die Leichtigkeit, jederzeit die Kamera über Stunden dabei haben zu können, mich auf die Motive zu konzentrieren, mich von technischen Gedanken zu befreien und ganz und gar auf das Thema konzentrieren zu dürfen, welches ich an einem Tag verfolge – oder mich überraschen zu lassen von dem, was mir passieren, oder ich entdecken werde. Es ist nicht mehr die Frage im Raum, ob der Aufwand des Auspackens sich lohnt, es ist nicht mehr die Angst ein stetiger Begleiter, ob man mich mit einem Rotring-Objektiv ausraubt und verscharrt.

Die Seele, von der dieser Beitrag handelt, liegt in der Einfachheit. Fotografie bedeutet zu sehen, nicht zu schleppen, den Moment erfassen zu können, nicht ihn zu verweigern. Die Seele liegt im Augenblick, nicht im Nackenschmerz.

Dieser Tag, im Jahr 2014, hat mich befreit von einem Irrweg. Er hat mir die Last genommen, hat mir gezeigt wohin es gehen soll.

Befreit euch – Von Technik, Marketing und den falschen Versprechen. Lebt die Fotografie, aber lasst nie die Kamera euch beherrschen.

 

Euer Sascha.

Zaun - OOC Fuji X-T2
Eingefrorenes Gewächs - OOC Fuji X-T2
The Three Chairballeros
Hasard Cheratte - Labor

Comments (1)

Ach witzig! So einen ähnlichen Post habe ich auch gerade abgeliefert. Zwar habe ich nie so viel Kram besessen, dass ich mich davon befreien müsste (im Übrigen liebe ich meine Sony ;-)). Aber ich habe mich von der Idee befreit, daraus unbedingt etwas machen zu müssen. Der Anspruch, dass Fotografie mehr sein müsse, als ein schönes Hobby hat mich vermutlich so gelähmt, wie Dich der Kram. Und es ist schön, wenn man das erkennt und dann die Konsequenzen zieht. Solche Posts scheinen gerade die Runde zu machen. Sehr spannend! Danke für diesen!

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