HF 6 – Aussenstelle

HF 6
RR

Besucht im Jahr 2014 / Text von 2014

I

ch atme tief ein. Staubige Luft strömt hastig durch die Nase, durchquert meine Atemwege – vorbei an der kaputten Nebenhöhle, an zerklüfteten Mandeln entlang, hinunter zu einer schwarzen Lunge, wie man sie nur dann hat wenn man in einer Großstadt lebt. Einer Stadt voller Lärm, genau so wie auch Aachen auch eine ist. Ein Moloch, der im Sommer am Verkehr seiner eigenen Bewohner zu ersticken droht, die sich durch die „Gräben“ quälen, wie die inneren Ringstraßen auch genannt werden. Lust auf Ozonwerte außerhalb der Norm? Wilhelmstraße.

Lust auf Dreck, Schmutz und Randgebiete der Menschheit? Kaiserplatz.

Hier ist es etwas anderes

Meine Finger betasten den rostvernarbten Handlauf des Geländers, wandern jede Riefe ab und erkunden erfühlbare Zeit. Der Verstand darf jedoch dabei nicht erfahren, was die Finger berichten; es wellt sich Eisen, blättert wie Schuppen von den Resten des Geländers und verspricht ähnliche Beschaffenheit für die Bodenplatten die zwischen mir, 30m Luft und einem staubigen, dennoch steinernen Boden stehen. Es wäre nicht die schlimmste Art zu sterben, wenn die Höhe denn ausreichen sollte. Böse Gedanken, am falschen Ort.
Meine Füße tasten sich sorgfältig vor, bewusst des Umstandes dass hier manches stabiler erscheint, als es die Realität noch für nötig erachtet.

Ich bin zu jung, wenn auch nicht zu schön zum Sterben. Es funktioniert immerhin noch der Selbsterhaltungstrieb, auch wenn er manchmal Winterschlaf hält.

Hier ist es nicht schmutzig wie in einer Stadt, nicht verkommen – Hier ist es nur dreckig

Hier regiert der Dreck von Jahrzehnten voller harter Arbeit und erzählt von geschmolzenem Stahl, dem Niedergang einer Industrie und einem Stadtteil, der so verkommen schön ist, dass man ihn am liebsten niederbrennen und danach 1:1 wieder aufbauen würde – denn so etwas gibt es nicht noch einmal, darf es auch nicht und es wäre zu schade wenn es ihn nie gegeben hätte.

Ruhrpottromantik, voller Abgase, Dreck und Geschichten.

Mein Fuß geht durch einen Fetzen unbestimmten Stoffs, der mittig auf einer der gusseisernen Platten ausgelegt war. War es das? Gibt der Rest auch gleich nach? Hoffnungen an das Geländer, nach welchem der Instinkt greifen würde, mache ich mir nur wenige. Meine Gelassenheit, mit der ich die Situation erwarte, erschreckt mich unterbewusst. Mein Herz müsste rasen und im schlimmsten Fall meine Hose warm werden. Doch nichts. Nicht einmal ein kleiner Schweißausbruch. Mir wird bewusst, dass ich mich fernhalten sollte von solchen Gegebenheiten, zumindestens für einige Zeit. Ein kleines Stück der Bodenplatte fliegt durch die Halle, nein gleitet; ein Fetzen Rost, der einmal mein Gewicht tragen sollte. Wie ein Blatt, welches vom Baum fällt.

Ich verlagere meine Schritte an den Rand der Platten, vermeiden bewusst die Stellen, an denen Stoff liegt. Zu viel gespeicherte Flüssigkeit, zu wenig Luftzirkulation. Rost.

Meine Schuhe hinterlassen gut sichtbare Abdrücke im Kohlenstaub, der seit Jahren alles hier benetzen konnte und immer mal wieder sporadisch vom Wind aufgeschreckt wird, der durch die seitlich offene Halle zieht. Er bildet kleine Wirbel an den ausgedienten LKWs, die in Stille auf ihre letzte Zeit warten.

Kein guter Platz für Raucher, oder Menschen

Die kleine Abstiegsleiter mit Rückenkäfig verheißt Erlösung aus dieser Situation, doch fehlen mir noch die Bilder von diesem unverbauten Eindruck einer industriellen Ödnis. Ganz unverständlich fühle ich mich hier wohl, zwischen dem Rost, dem Kohlenstaub und den stillgelegten Relikten. Für Augenblicke erscheinen mir Erinnerungen an meine Kindheit, als mein Großvater mich hin und wieder mit ins Stahlwerk mitnahm, wo alles voller Metallstaub war und man mich in einen der Kräne setzte, die man fernsteuern konnte. Glückliche Momente, zwischen Dreck und Stahl.
Was ich hier aber nun mache ähnelt einem Kraken, wie ich über mich selbst lachend feststelle, als ich mein Stativ aufbaue. Was wäre das alles hier denn auch schon wert, wenn es keine Fotos davon gäbe? Kein Dokument meines Leichtsinns, der mich vielleicht einmal doch meinen Kopf kosten könnte. Ich wirbele ein wenig unbeholfen herum, doch muss ich die Stativbeine (und meine noch dazu) auf sichere Stellen bewegen, die nicht gerade zahlreich hier erscheinen.

Seit Wochen war ich nicht so zufrieden und glücklich, so ausgeglichen. Hier, an diesem Ort wo ich mir zum ersten Mal in meiner Zeit der Ruinenfotografie wirklich den Hals brechen könnte. Ich lache leise in mich hinein, denn seit einiger Zeit kann ich wieder lachen, herzhaft. Idealerweise lache ich über mich selbst, über das letzte halbe Jahr, in welchem meine Großmutter starb und mein Leben eine neue, bessere Bahn nehmen musste. Es war nicht einfach, aber ich stehe hier. Nach all den verschwendeten Gedanken, nach all den Fragen. Wo ich glaubte am Abgrund zu sein, ging ich weiter und stehe nun hier, in meiner Freizeit, freiwillig, auf einer von Rost zerfressenen Platte eines Geländers, die kaum mehr als ein paar Monate überhaupt noch an ihrer Position bleiben dürfte.
Es geht weiter, es geht immer weiter und nach dem Abstieg geht es wieder vorwärts und von vielen Dingen, die einst einmal waren, bleiben nur noch Bilder die mir unlieb geworden sind. Was ist der Vorteil von Bildern, gegenüber Erinnerung? Sie verblassen nicht so schnell – und man kann sie einfacher entfernen.

Ich muss Platz schaffen für neue Bilder, für neue Dinge im Leben.
Erstaunliche Dinge können einem bewusst werden, wenn man durch ein Loch 30 m nach unten blickt.

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