Old Iron II

Old Iron II
RR

Besucht im Jahr 2016

E

iner dieser Orte, den man per Zufall am Wegesrand entdeckt, während die Tour drohte zu einem Reinfall zu werden. Einer dieser Orte, den man mit einem seltsamen Gefühl im Magen wieder verlässt.

Wer öfters auf eine Tour gegangen ist und wert auf eine Stimmung in seinen Bildern legt, der wird (je nach gewünschter Bildwirkung) nicht sonderlich viel mit Sonnenschein anzufangen wissen, ihn sogar vermeiden wollen. Ähnlich verhält es sich bei mir; ein bewölkter Himmel ist für mich das größte Glück an einem solchen Tag, auch wenn es Stativpflicht bedeutet. Diffuses Licht, keine harten Kontraste und dadurch bedingte Stimmung, welche das Fotografieren erleichtert und den Bildern etwas spezielles gibt, was man so nicht anders erreichen könnte.

An diesem Tag stimmte alles

Das Wetter war halbwegs trocken, doch der Himmel verhangen. Das Licht kam erhofft diffus, zerstreut, leichter Niesel durchzog die Luft – nur leider stimmten die Orte nicht so ganz, die wir aufsuchen wollten; abgebrannt, abgerissen, unzugänglich. Die Bilanz von zu viel verbrauchtem Kraftstoff bis zu diesem Punkt. Es war wie immer, wenn man auf Tour ging: Manchmal hatte man vollstes Glück, manchmal Pech an allen Wegpunkten. Mit der Unwägbarkeit muss man leben und sich mit ihr arrangieren – vor allem darf man aber auch nicht zu früh aufgeben.

D

och zu diesem Zeitpunkt, als wir diesen Platz entdeckten, waren wir knapp davor: Unsere Laune war am Ende, unsere Mägen leer und bis auf kalte Füße hatten wir an dem Tag noch nichts bekommen. Ein Carrefour lag zum Glück auf unserer Strecke und schrie gerade zu danach, von uns geplündert zu werden, um gegen den sich einstellenden Hunger und die sich ausbreitende Demotivation anzukommen.

Eine kleine Pause, von der Ansammlung an Enttäuschungen.

Nach ein paar Happen belgischer Gebäcke, voller Konservierungsstoffe und Emulgatoren welche BASF wahrscheinlich voller Freude und Stolz geliefert hat, war es zumindest mit dem Hungergefühl besser – doch die Laune noch immer im Keller. Einen Ort hatte ich noch, der in nächster Nähe lag. Der letzte Versuch.

Der Nieselregen, der kaum merklich war, aber auch nicht daran dachte aufzuhören, hatte sein Werk bereits getan und die Straßen gleichmäßig durchnässt. Die Straßen, die Bäume, die Äcker. Alles war gleichmäßig von einem Film bedeckt, matschig geworden. Wir fuhren ohne große Erwartungen los, sprachen über den nächstmöglichen Termin für eine neue Tour und hatten im Geiste schon damit abgeschlossen, heute auch nur ein Foto auf die Speicherkarten pressen zu können.

Wie immer, bei solchen Touren und Tagen, wirkte die Agrarlandschaft nach wenigen Momenten befremdlich, deprimierend. Mir kam es hier, wie auch in den weitläufigen Hafenanlagen Antwerpens, immer so vor, als hätte ich eine Form der Vorhölle erreicht – welche von Monotonie und Gleichgültigkeit bestimmt wird. Keine hohen Töne, keine grellen Farben – absolute Mittellinie, ohne Bedeutung und Zukunft.

Von Gott verlassen, so habe nicht nur ich es einmal bezeichnet.

Wie immer ließ ich während der Fahrten in Belgien meinen Blick schweifen, aus Neugierde und Langeweile. Anfänglich einfach nur, weil ich erhoffte so einmal einen neuen „Lost Place“ entdecken zu können, per Zufall – später einfach nur, um dieses Land und seine Landschaft verstehen zu lernen, betrachten zu können. Die Hälfte der Fahrtstrecke hatten wir bereits hinter uns gelassen, als sich hinter einigen Bäumen auf der rechten Fahrbahn etwas auftat. War es nur eine dieser Ruinen, die nicht ein gutes Foto hergeben wollten? Egal.

„Christoph, halt an!!!“ 

Tatsächlich bot das Gebäude, welches von einem lockeren Wald umgeben war, wenig fotogenes. Vielleicht mit ausreichend Weitwinkel und 40 HDR Filtern, vielleicht dann wäre das Fotos „effektvoll“ geworden, aber sicherlich nicht gut. Draußen hingegen, zwischen den Bäumen und auf den freien Flächen, fanden sich Autos, die natürlichem Verfall ausgesetzt waren. Viele Autos, seltsame Autos. Überall lag der Inhalt der Wagen, worunter teils auch Kataloge, Lieferscheine und Rechnungen in deutscher Sprache waren. Rechnungen aus Dortmund – hier, im tiefsten Belgien.

Die Menge an Autos machte stutzig, die Ausstattung ebenfalls und irgendwie…  manchmal hat man einfach ein schlechtes Gefühl und dann wird man leise, unwahrscheinliche leise und paranoid. Hatte man diese Wagen geklaut, nach hier gebracht und dann in aller Ruhe, mitten an einem verlassenen Chateau, nur umgeben von Wald und Feldern, ausgeschlachtet?

Wir wurden noch ruhiger, noch paranoider, aber hörten nicht auf unsere Motive zu jagen…

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