The Birdhouse

The Birdhouse
RR

Besucht im Jahr 2016

N

ach über vier Jahren Urbex, davon die meiste Zeit in Belgien, habe ich mit vielen Dingen abgeschlossen. Man fragt, nach den gesehenen Dingen und nach den tausenden von Kilometern, irgendwann nicht mehr nach dem „wieso?“, wenn man wieder einmal einen Ort betritt den man gerne selber erwerben, renovieren und bewohnen möchte. Wenn man unschätzbar wertvolle Möbel vorfindet, wenn man sieht wie die Szene solche Orte behandelt.

Man wundert sich nicht mehr über tote Tiere, die sich mit letzter Kraft in solche Orte geschleppt haben müssen, um fern jeder Störung wirklich friedlich sterben zu können. Man fragt nicht mehr, wieso manch andere Tiere, die nur auf zwei Beinen wandeln, solche Orte nicht zur Findung der Ruhe nutzen, hier nicht ihre Entspannung finden, sondern auch hier ihren Scheiss halten müssen, welcher die Wohlstandsgesellschaft so krank macht.
Was ich damit genau meine?

Zum Beispiel diesen Ort, der irgendwie mal wieder etwas ganz besonderes war, ohne dabei dekadent klingen zu wollen. Grundsätzlich, trotz aller Touren und Jahre, ist nämlich ein jeder Ort immer etwas besonderes. Man betritt jedes Mal (so macht man sich immerhin selbst glauben) ein unentdecktes Land, eine alte und längst verschollen geglaubten Stätte der Vorfahren. So irrt man.

In der Realität entdeckt man mittlerweile eine durchdekorierte „Location“, die nicht selten ihre ursprünglichen Seele verloren hat an tätige Hände und Finger, die nach eigenen Bedürfnissen und Ideen umgestalten, Schubladen nach „Deko“ durchforsten und nicht selten mit vollen Taschen wieder verschwinden. Das „ursprüngliche“ des Ortes ist damit gegangen – geblieben sind dann nur noch Trümmer dessen, was ihn einmal ausgezeichnet hat. Schönere Motive, für die simple Fotografenseele, findet man in jedem Fall vor – aber das eigentliche Ziel der Entdeckung, etwas vorzufinden wie die Besitzer es einst verlassen haben, ist dahin.

M

an redet sich vor Ort ein, dass es nicht so schlimm ist und irgendwas ja noch so sein wird, wie man es erhofft – unberührt. Das klappt auch manchmal, sogar sehr gut. Man richtet den Blick auf fein drapierte Flaschen voller Cologne, Rasierwasser und wahrscheinlich der letzten Befüllung eines Urinkatheters, die völlig sinnbefreit auf einem Tisch stehen und blendet aus, dass man selbst so etwas nur im Rausch, oder als Opfer einer akuten Hirnblutung in seinem Haus tun würde.

So gut klappt es, dass man nicht die Lust an diesem „Hobby“ verlieren möchte. Ist es denn ein Hobby? Eine Leidenschaft? Eine Auslebung einer voyeuristischen Neigung? Ein Ventil, um der Zivilisation zu entkommen, ohne den nervigen Nachbarn mehrstündig mit der Bratpfanne bearbeiten zu müssen und dabei juristische Konsequenzen zu befürchten? Ein wenig von all diesen Dingen.

Doch hier funktionierte dieser Selbstbetrug nicht –

Hier war ich einfach in zu kurzen Abständen, konnte also genau verfolgen, wie fleissig des Teufels Hände waren. Im Abstand von weniger als 7 Tagen, wurde hier einmal der gesamte „Vogelraum“ durchwühlt. Vom Hamster keine Spur mehr, rotierten alle Tiere einmal durch, verloren dabei Beine und Flügel, wurden versteckt, verdreckt und mit einer augenscheinlichen Respektlosigkeit behandelt, wie man sie sonst nur als Mensch in einer Großstadt von anderen Menschen erlebt.

Dass man hier, abgesehen von einer moralischen Komponente, auch „Werte“ in den Händen hielt, schien den wenigsten „Urbexern“ etwas ausgemacht zu haben. Hier ging es nur um den Egoismus des Motivs, nicht um die Entdeckung des Ortes. Der Ort musste dem eigenen Wunsch angepasst werden – und hier sprechen wir nicht einmal davon eine Gardine beiseite zu schieben, um vielleicht ein wenig mehr Licht zu bekommen.

Hier begegnet man einer blinden Selbstverliebtheit: Entspricht das gefundene Motiv nicht dem, was man erwartet, so wird es verändert. Der Gedanke des „Hobbys“ ad absurdum geführt. Man zerstört nicht nur die Unberührtheit eines Ortes, man zerstört alles an diesem Platz, was ihn einmal so interessant gemacht hat.

Das Weltgeschehen auf kleinster Bühne, würde man es abstrahieren. Denn anders verhält der gemeine Homo Sapiens sich nirgends, höchstens schlimmer.

Macht „Urbex“ so noch Spaß? Da gibt es von mir nur einen Geheimtipp, damit man das noch sagen kann: Die gesamte „Szene“ ausblenden, jedes zuvor von anderen gemachte Foto versuchen zu vergessen und seine eigenen Pfade finden. Versuchen selbst so zu sein, wie man es auch von anderen erwartet.

Doch der größte Tipp ist: Niemals einen Ort zum zweiten Mal besuchen, außer nur ihr wisst wo er liegt.

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