Die Nerzfarm

Die Nerzfarm
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Besucht im Jahr 2012

Der objektive Part

D

ie Nerzfarm in der unmittelbaren Nähe der Deutsche-Niederländischen Grenze, welche bereits seit langer Zeit ein behäbiger Zankapfel zwischen Industrie, Politik und Tierschützern war, steht seit Dezember 2011 zum Teil leer. Der einfache Grund der Schließung war nicht das erhoffte Verbot der industriellen Pelztierhaltung in Deutschland, sondern ein Gerichtsentscheid, nach dem die Unterbringung und Versorgung der Tiere bestimmten Bedingungen unterliegt – wie z.B. die artgerechte Haltung der Tiere, welche bei Nerzen auch die Möglichkeit des Badens beinhaltet. Daraufhin erschien wohl die Züchtung der Nerze als zu unrentabel in Deutschland, weswegen der letzte „Schwung“ der Tiere vor der Schließung gepelzt (töten, häuten, entsorgen) wurde.

Eine Weiterführung des Betriebs findet wohl in den Niederlanden, auf einer zweiten Anlage des selben Betreibers, statt (Anm.: Die Gesetzeslage zum Thema Tierschutz in den Niederlanden ist mir nicht bekannt, dementsprechend ist auch unklar wie die dortige Tierhaltung aussieht).
Ein mittelschweres Politikum ergab sich, als ebenfalls die Haltung von Füchsen auf dem Grundstück bekannt wurde, was über lange Zeit abgestritten und auch von Vertretern der lokalen Politik verneint wurde.

Nachtrag: Die Bilder wurde einer großen Tierschutzorganisation übergeben, unter den Bedingungen der Public Domain. So trete ich für diese Bilder der Nerzfarm, so weit dem deutschen Recht entsprechend, alle Urheberrechtsansprüche ab. Auf Anfrage sind sie in in voller Auflösung zu erhalten – sfaber@outlook.com

Der subjektive Part

E

s war so kalt an diesem Dezembertag, so stürmisch, dass sich Eis in meinem Bart, meiner Mütze und meinen Handschuhen ansammelte. Jeden einzelnen Muskel im Gesicht konnte ich, sobald ich ihn versuchte zu nutzen, spüren und seinen Widerwillen dagegen.

Obwohl wir im Verhältnis nahe geparkt hatten, war der Fußmarsch dennoch eine Aufgabe die bei dieser Witterung nicht so leicht zu bewältigen war, wie anfänglich gedacht. Gute 4 km hatten wir vor uns, über vereiste und verschneite Landstraßen, welche Schlaglöcher und Unebenheiten vor uns versteckten. Mulmig wurde mir, wenn ich daran dachte bald vor Ort zu sein und sehen zu können, was ich im Internet recherchiert hatte – dass unser Marsch noch an einem Wegkreuz, inmitten dieser verlorenen Agrarindustrielandschaft, vorbeiführte, das machte die Sache nicht wirklich besser und mein Magen meldete sich regelmäßig zu Wort.

Wegkreuze sind etwas spezielles in manchen Gegenden, da es ein katholischer Brauch ist; als ein Zeichen des Glaubens der heimischen Bevölkerung, oder als sogenanntes Mord- oder Unfallkreuz an Stellen, an denen ein Verbrechen, oder entsprechend ein tödlicher Unfall geschah. Eine Weiterführung dieser Tradition stellt heutzutage die Aufstellung von kleinen Gedenkkreuzen dar, welche an Unfallstellen angebracht werden.

In Ruhe, trotz der Steifigkeit meiner Finger, machte ich ein Foto des Kreuzes. Es passte in diese Szenerie, wie es auch in die Landschaft eines Westernfilms gepasst hätte.

Überall Felder, nur Felder und einige säuberlich aufgereihte Bäume, die wie eine Borte um diese Mondlandschaft angebracht waren. Hier, in der deutschen Felderlandschaft, wird einem bewusst was es bedeutet, dass der Mensch sich die Welt zu untertan gemacht hat. Wer kennt denn noch einen deutschen Urwald? Einer der letzten weicht in Hambach gerade einem Tagebau.

Etwas mehr Eis, noch etwas mehr Schnee und noch mehr Felder – und wir näherten uns, fühlten uns erleichtert, als wir endlich vor der Nerzfarm standen. Rauch steigte aus dem Kamin des dazugehörigen Wohnhauses, welches aus den 50er Jahren zu stammen schien.

Einzelne Sonnenstrahlen brachen durch die Wolkendecke, tauchten die ganze Szenerie in ein warmes Licht, welches dieser Ort nicht verdient hatte; Stacheldraht und Wellblech, an einem Grenzstein Metallstacheln angebracht, um ein Überklettern des „Zauns“ zu verhindern. Alles, was ich jetzt schon zu sehen bekam, erzeugte in mir ein Unwohlsein und eine ungewollte Assoziation zu einem anderen Geschehen. Darf  man Verbrechen vergleichen?

Was für ein Mensch musste man sein, um einen Ort zu erschaffen, der an etwas unaussprechliches aus deutscher Vergangenheit erinnerte? Wie konnte man einen so von Gott verlassenen Ort erschaffen?

Mein Bauchgefühl war nicht mehr mit „mulmig“ zu beschreiben, es schrie gerade zu auf, wollte mich von diesem Ort weggehen sehen. Der Rauch aus dem Kamin – hier wohnten noch welche. Meine Begleitung wollte dennoch auf das Gelände, hatte Feuer gefangen für diesen Ort. Mir war nicht mehr danach, doch ließ ich mich überreden – gegen das Gefühl.
Wir suchten einen Eingang, schlichen um das Gelände wie Verbrecher – um in einen Ort zu kommen, an dem Verbrechen geschahen.

Am Haupttor, von Schildern und einer beschädigten Überwachungsanlage gesäumt, fanden wir einen Eingang; ein Spalt im Tor, direkt neben den Schildern, auf denen respekteinflössende Hunde abgebildet waren. Wir entledigten uns der Ausrüstung, die zu viel war und nicht durch den Spalt passte, hielten die Luft an und pressten uns hindurch, so weit es die Gewalt und mangelhafte Vernunft zuließ. Es klappte, mehr oder minder, ohne meine Kleidung zu zerreißen und ohne mir größere Wunden zu zufügen.

Die mittlerweile vollkommen unwilligen Finger machten es nicht einfach, die Kamera für das kommende Schauspiel einzustellen, welches mich erwarten sollte und welches ich wohl nie vergessen werde; Barracken, Kot, Unwürdigkeit.

Der Kadaver eines frisch getöteten Fuchses, mit kaum erkennbaren Fußspuren der Hunde, lag neben einer frischen Markierung aus Hundepisse. Hatte man das Tier als „Spielzeug“ den Hunden vorgeworfen? Welche Sorte Mensch hier am Werk war, sollte nun in jedweder Form geklärt gewesen sein. Mir wurde schlecht. Mir wurde schlecht, obwohl ich in meiner Tätigkeit als Rettungsassistent schlimmere Dinge gesehen haben, mehr Blut und mehr an Teilen eines Wesens, die nicht aus ihm heraushängen sollten – doch habe auch ich nie derart grausames gesehen.

Mir wurde bewusst, dass hier nicht nur die Besitzer wohnten, sondern auch Hunde aktiv das Gelände bewachten. Wir beeilten uns, jeglichen Selbsterhaltungstrieb ausblendend. Wie wahnsinnig wir waren.

Käfige, viel zu klein für nur ein einzelnes Tier, ein empfindungsfähiges, neugieriges, intelligentes Wesen, in denen 3-6 Nerze gestopft wurden – ohne Boden, nur auf Gittern, bei jeder Witterung, über ihrer eigenen Scheisse hängend. Die Hölle hatte hier ein Vorbild gefunden. Liest man die Berichte, über die Folgen derartiger Haltung, kommen Kannibalismus, schwere Verletzungen bei Kämpfen und anderweitige, abnormale Verhaltensmuster zu Tage. Die Tiere wurden verrückt in dieser Hölle, der sie nicht entkommen konnten.

Einige Tiere hatten es wohl einmal versucht, wie kleinere Tunnel unter dem Zaun zeigten. Sie wurden anscheinend immer zeitnah von den „Herrschern“ dieser Hölle versperrt, gesichert. Die entkommenen Nerze? Unfähig zu Überleben in der Freiheit; sie kannten nur Futter, welches ihre Peiniger ihnen lieferten. Wohin sollten sie gehen? In Freiheit, ohne zu wissen was das überhaupt bedeutet.

Dass ich mich kaum noch bewegen konnte, ohne Schmerzen, war mir egal. Es war mir nicht bewusst, dass ich durchfroren war – ich spürte nichts, außer Entsetzen dafür, was hier geschehen ist. Über Jahre.

Dann, in absoluter Stille unseres Tuns, hörten wir Geräusche. Waren es die Hunde? Waren es die Besitzer? Wie fliehen, wo doch alles mit Stacheldraht umgeben war? Kampf, mit Hunden? Dinge, die sich ergeben, wenn sie nötig werden.
Wir verharrten, geduckt hinter den Barracken. Sekunden zogen sich, die Geräusche blieben.
Was war es? Rehe. Eine ganze Herde von Rehen, von denen uns zwei von der anderen Seite der Barracke aus anstarrten.

Hier, in dieser weltgewordenen Finsternis, voller Leid – herumtollende Rehe.

Wurde hier noch gepelzt? Wurden die Rehe gehalten, um sie zu schlachten? Zum privaten Vergnügen, als Haustiere? Direkt neben dem Fußballtor, welches anscheinend zum Zeitvertreib diente, in den Pausen der „Arbeit“.
Jede Bewegung scheuchte die Rehe auf. Sie waren scheu, so scheu als wären sie wild. Als hätten sie nie Kontakt zu Menschen gehabt.

Wir tauschten verwunderte Blicke aus. Ein seltsamer Moment, den wir so gut wie möglich festzuhalten versuchten. Die Verschlüsse klackerten, die Speicherkarten füllten sich. Was hier war, das musste festgehalten werden, musste rausgetragen werden aus diesem Ort.

„Was machen Sie hier? WER SIND SIE?“ – Aufgeflogen, Adrenalin, Angst. Zwei Männer, mit den vermuteten Hunden an Leinen, standen am Eingang des Areals, womit jede Möglichkeit zur Flucht genommen wurde. Das Ende unseres Ausflugs.

Mein Herz pochte, wollte aus meiner Brust, schlug von innen gegen alles was ihm im Wege schien. Minuten voller Diskussion folgten, in denen wir erklärten was unser Anliegen war; Fotos. Wir wollten nur fotografieren. Die Diskussion ging weiter, als man uns zum Ausgang führte, keine Polizei, kein Ärger. So grausam dieser Ort war, so friedlich das Geleit. Als hätte man jemanden bei etwas ertappt und derjenige wolle nun ganz schnell seine Ruhe haben, um damit fortfahren zu können.

Keine Polizei, keine gelöschten Bilder. Nur die Rehe, die wir zurücklassen mussten.

Ein beschissenes Gefühl.

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